Nachfrage an Bio-Erzeugnissen nicht gedeckt : Bio-Käse ist noch Nischenprodukt

Bio-Bäuerin Margot Stühle bereitet auf ihrem Ziegenhof in Sievertshagen Ziegenkäse zu.  Foto: Stefan Sauer
Bio-Bäuerin Margot Stühle bereitet auf ihrem Ziegenhof in Sievertshagen Ziegenkäse zu. Foto: Stefan Sauer

Etwa 800 Bio-Betriebe aus MV behaupten sich inzwischen am Markt – und doch geht der bundesweite Bio-Boom am Land vorbei. Die Nachfrage an Bio-Erzeugnissen ist im Nordosten nämlich größer als das Angebot.

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21. Mai 2012, 09:59 Uhr

Rostock/Schwerin | "Gazelle" hat seinen Harem fest im Blick: Einen Meter über der Herde steht der Ziegenbock auf einer Kletterlandschaft mit Treppchen und Kratzbürste und lässt seinen Blick gelassen über die 24 Ziegen und deren Lämmer streifen. Die stromern beschaulich durch den Auslauf. Die Stalltür steht weit offen. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen aus der Massentierhaltung haben die Tiere noch ihre Hörner. Ihr Blick wirkt neugierig und wach.

Die kleine Herde ist das Kapital von Bio-Bäuerin Margot Stühle im vorpommerschen Sievertshagen - und sie soll auch gar nicht größer werden. "Das menschliche Denken ist auf Wachstum ausgerichtet.

Warum?" fragt die Bäuerin. Seit zehn Jahren produziert sie aus der Bio-Milch der Ziegen täglich 14 Kilogramm Frischkäse in verschiedensten Variationen sowie Quark. "Man kann davon leben", berichtet die 47-Jährige, ohne genaue Zahlen zu nennen. Einen Teil ihrer Produkte vermarktet die gelernte Theatertechnikerin über den regionalen Biohandel "Biofrisch Nordost" aus Teschenhagen bei Rostock. Der Großteil des Frischkäses und der Quarkprodukte geht direkt an Hotels wie die Yachthafenresidenz "Hohe Düne", die die Qualität der Produkte von Margot Stühle schätzen. Die Stühles setzen zudem auf Eigenrezepturen mit Trockenkräutern, die sie wiederum von anderen Biobetrieben beziehen. Kreationen wie der "Scharfe Italiener", ein 40 Prozent fetthaltiger Frischkäse mit Paprika, Tomate, Knoblauch, Zwiebel, Thymian, Chili und Meersalz treffen den Geschmack der Kundschaft.

Im Nordosten arbeiten nach Angaben des Umweltverbandes BUND derzeit 800 zertifizierte Bio-Betriebe - der Öko-Anteil an der landwirtschaftlichen Gesamtnutzfläche in MV beträgt 9,1 Prozent. Nach einem Boom ist der Trend zur Bio-Wirtschaft ins Stocken geraten. "Konventionelle Betriebe stellen derzeit nur schleppend um", beklagt der BUND-Agrarexperte Burkhard Roloff. 2011 wandten sich nur 30 Betriebe von der konventionellen Landwirtschaft ab. Die Umstellungsprämien seien mit 150 Euro pro Hektar einfach zu gering. Zudem erzielten Bauern mit konventionellem Anbau derzeit sehr gute Preise. "Da fällt es schwer, den Schritt in Richtung Bio zu machen", sagt Roloff. Frankreich, Holland und Dänemark seien gerade bei der Produktion und Vermarktung von Bio-Käse viel weiter.

Mit Beispielen wie dem Ziegenhof von Margot Stühle will der BUND Mut machen. "Bio lohnt sich auch für kleine Betriebe, denn der Bedarf ist da", ist Roloff überzeugt. Mit dem Biohandel "Biofrisch-Nordost" in Teschenhagen hätten auch kleine Höfe die Möglichkeit, ihre Produkte überregional zu vermarkten. Einmal in der Woche stoppt ein Biofrisch-Wagen bei Margot Stühle, der die bestellten Waren abholt und an Ökoläden und Biostände landesweit liefert.

Nur wenige Kilometer von Margot Stühles Hof entfernt führen Gaby Fiebig und Ture Gustavs in Zandershagen einen Bio-Rinderhof. Auf den hofeigenen Weiden, Gesamtfläche 50 Hektar, stehen 50 Tiere der Rasse Allgäuer Braunvieh - eine Zwei-Nutzungsrasse für die Milch- und Fleischproduktion. Rund 90 Prozent der in der eigenen Käserei veredelten Milchprodukte vertreiben die Hofeigner über den Teschenhagener Bio handel. Der kleinere Teil wird im Hofladen verkauft. In Wendezeiten hatten sie den Hof aus der "romantischen Idee der Selbstversorgung" heraus gegründet, erzählt Ture Gustavs. Schnell stiegen die beiden aus ihren Berufen als Zootierpfleger und Bauingenieurin aus, erweiterten die Herde. Inzwischen betreiben sie einen modernen Biohof mit eigener Käserei. Mit 50 Tieren haben sie die Grenzen ihres Wachstums erreicht. "Wir haben jetzt eine Größe erreicht, mit der wir die Arbeit schaffen", sagt Ture Gustavs. Das Unternehmensziel "Gewinnmaximierung" ist den Bio-Bauern fremd. "Der Hof ist kein Gelderwerb, sondern eine Lebensform", sagt er.

Gaby Fiebig ist überzeugt, dass konventionellen Betrieben die ökonomischen Anreize für die Umstellung auf Bio fehlen. Gerade kleine und mittlere Betriebe würden bei der Förderung benachteiligt, sagt die 52-Jährige. Würden diese Hemmnisse ausgeräumt, könne auch der Anreiz vergrößert werden, den Schritt in Richtung Bio zu gehen.

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