Verwirrung beim Verbraucher : Bio ist nicht gleich bio

<strong>Oldie unter den Bio-Siegeln: </strong>Das sechseckige Siegel gibt es in Deutschland bereits seit 2001. <foto>Andrea Warnecke, dpa</foto>
1 von 2
Oldie unter den Bio-Siegeln: Das sechseckige Siegel gibt es in Deutschland bereits seit 2001. Andrea Warnecke, dpa

Nach den Skandalen um Pferdefleisch in Fertiggerichten und um umetikettierte Eier fragen sich viele Verbraucher: Können sie Bio-Siegeln trauen? Diese Frage stellt sich auch unabhängig vom aktuellen Etikettenschwindel.

svz.de von
07. März 2013, 10:26 Uhr

Nach den Skandalen um Pferdefleisch in Fertiggerichten und um umetikettierte Eier fragen sich viele Verbraucher: Können sie Bio-Siegeln trauen? Diese Frage stellt sich auch unabhängig vom aktuellen Etikettenschwindel. "Es gibt viel zu viele Siegel, die nur kaum zu unterscheiden sind", sagt Martin Rücker von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Aber nur einige wenige seien wirklich verlässlich.

"Grundsätzlich kritisch sehen wir alle Siegel, die von den Unternehmen selbst herausgegeben werden und mit denen sich die Unternehmen selbst zertifizieren", erklärt Rücker. "Dort wird dann irgendeine Qualität versprochen, indem es einfach nur heißt: ,Artgerechte Tierhaltung’ oder ,Kontrollierter Anbau’." Diese Begriffe sind gesetzlich nicht geschützt. "Sie können alles und nichts bedeuten. Für den Verbraucher ist aber nicht klar, was tatsächlich dahintersteht."

Mindeststandards bei Bio-Lebensmitteln setzt die Europäische Union. Alle Lebensmittel, die mit den Begriffen "Bio" und "Öko" werben, müssen das EU-Bio-Logo tragen: Ein stilisiertes Blatt aus zwölf weißen Sternen auf grünem Grund. Dafür muss ein Betrieb die EU-Vorschriften für ökologischen Landbau erfüllen. Wer sich an die EG-Öko-Verordnung hält, kann gleichzeitig auch das deutsche Bio-Siegel führen. Dafür müssen die Produktzutaten, die aus der Landwirtschaft kommen, zu 95 Prozent aus Öko-Betrieben kommen.

Das weiß-grüne Sechseck mit der Aufschrift Bio gibt es bereits seit 2001 und wird immer seltener. "Das deutsche Bio-Siegel wird schrittweise vom europäischen Bio-Siegel abgelöst", erklärt Martin Rombach vom Prüfverein Verarbeitung für ökologische Landbauprodukte in Karlsruhe. Seine Organisation kontrolliert, ob sich Bauernhöfe und Hersteller an die Bio-Vorschriften halten. Will zum Beispiel ein Hersteller von Frühstückseiern mit dem deutschen oder europäischen Bio-Siegel werben, muss er sich regelmäßig überprüfen lassen. Das übernehmen mehrere staatlich zugelassene Kontrollstellen in ganz Deutschland.

Die Kontrolleure prüfen aber nicht nur für die Label von EU und Bundesrepublik. Auch die großen privaten Bio-Siegel - Bioland, Naturland und Demeter - lassen ihre Betriebe von den Kontrollstellen testen. "Oft fordern die gar nicht so viel mehr als die EG-Bio-Verordnung", sagt Rombach. Aber strengere Anforderungen als die offiziellen Siegel hätten die drei großen Anbieter auf jeden Fall, vor allem bei Haltung und Fütterung der Tiere. "Bei Demeter haben die Rinder zum Beispiel noch Hörner", erklärt Rombach, dessen Institut auch für Demeter prüft. In vielen Betrieben werden den Tiere oft auf schmerzhafte Weise die Hörner entfernt, damit sie keinen so großen Abstand mehr zu anderen Tieren halten müssen. So können mehr Kühe auf weniger Fläche gehalten werden. Bei Demeter sei das nicht der Fall. Demeter habe zudem die strengsten Richtlinien bei Zusatzstoffen, sagt Rombach. Bei Backwaren müsse sogar die Hefe aus biologischer Herstellung kommen.

Bioland ist laut Rombach bei der Fütterung der Tiere besonders streng. "Bei allen großen privaten Siegeln muss mit Bio-Futter gefüttert werden, aber Bioland hat hier ein besonders zuverlässiges Netz aufgebaut." Auch in den jüngsten Skandal um falsch ausgezeichnete Eier ist Bioland nach eigenen Angaben nicht verstrickt. "Soweit wir wissen, sind keine Bioland-Betriebe betroffen", sagte Bioland-Sprecher Gerald Wehde am Montag. Auch gegen Demeter-Betriebe wird laut einer Mitteilung des Öko-Verbundes nicht ermittelt.

Beim Tierschutz haben die Siegel der privaten Verbände laut Verbraucherschützern generell strengere Vorgaben als das deutsche oder europäische Zertifikat. Bei EU-Biobetrieben sei zwar vorgeschrieben, dass Tiere auch Tageslicht im Stall haben müssen, bei Bioland und Demeter sei das aber noch einmal genauer definiert, erklärt Andrea Schauff von der Verbraucherzentrale Hessen. Die Fensterfläche müsse dort mindestens so groß sein wie fünf Prozent der Gesamtfläche des Stalls. Allerdings werden laut Schauff auch in vielen Bio-Betrieben männliche Küken kurz nach dem Schlüpfen getötet, weil die Aufzucht der Hähne im großen Stil kaum gewinnbringend sei. "Das Problem, dass auch männliche Küken getötet werden, das ist auch in Bio-Betrieben immer noch nicht zu verhindern", sagt Schauff. Es sei auf jeden Fall noch Praxis. Wenn man Tierschutz unterstützen wolle, sei es sinnvoll, direkt bei kleineren Betrieben in der Region zu kaufen, bei denen man genau erfahren kann, wie die Tiere gehalten werden.

Schmeckt man denn bei allen Unterschieden in der Tierhaltung überhaupt den Unterschied von Ei zu Ei? Zwischen den Bio-Eiern der verschiedenen Hersteller gibt es laut Schauff kaum geschmackliche Unterschiede. Bei allen ökologisch gelegten Eiern seien zum Beispiel synthetische Dotterfarbstoffe oder gentechnisch-verändertes Futter verboten. Im Vergleich zum Ei aus konventioneller Landwirtschaft könne es aber Unterschiede im Geschmack geben - wenn anders gefüttert werde. Weniger Eiweiß und weniger Soja im Futter seien bei Bio-Höfen üblich, erklärt Schauff: "Und das macht natürlich dann auch geschmacklich etwas aus beim Bio-Ei."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen