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Generalintendant in Schwerin im Interview : „Bin kein Freund von politischem Theater“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Lars Tietje ist seit August Generalintendant in Schwerin - er berichtet von Debatten mit Besuchern, neuen Spielstätten und seinem Respekt vor dem Publikum

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erstellt am 16.Feb.2017 | 08:00 Uhr

Mit der Schwerin-Premiere des großen Broadway-Musicals „Anything Goes“ startet heute das Mecklenburgische Staatstheater in die Frühjahrssaison. Seit einem halben Jahr ist Lars Tietje Generalintendant der Bühnen in Schwerin und Parchim. In den ersten sechs Monaten machte das Theater mit einer vielbeachteten Faust-Inszenierung und dem „Galilei“ von Brecht von sich reden. „My Fair Lady“ ist hoffnungslos ausverkauft. Tietje ist angekommen. Inzwischen wird der Generalintendant in der kleinen Großstadt Schwerin auch auf der Straße gegrüßt. Wie es die letzten Monate hinter den Kulissen lief, das wollte Max-Stefan Koslik von Lars Tietje wissen.

Herr Tietje, Ihre letzte Intendanz hatten Sie in Nordhausen, wie haben Sie sich im neuen Theater eingefunden?

Tietje: Ich habe Respekt vor dem Publikum und der Tradition des Theaters in Schwerin. Das Publikum ist sehr kompetent und weiß, was es will. Als Staatstheater in der Landeshauptstadt haben wir einen hohen Stellenwert und stehen deutlich im Fokus. Das erste Mal die Bühne zu betreten bei der Operngala, das war schon sehr aufregend und bewegend.

Bei den ersten, großen Inszenierungen „Faust “ und „Galilei“ von Schauspieldirektor Martin Nimz zeigte sich der eine oder andere im Premierenpublikum irritiert vom spartanischen Erscheinungsbild von Figuren und Bühne, wie reagieren Sie darauf?

Ja, da haben wir viele Reaktionen erhalten. Wir haben sehr viele Nachgespräche geführt. Die Leute wollen einfach wissen, warum der Faust so gekleidet ist, wie er gekleidet ist. Warum er den Osterspaziergang so brüllt usw. Aber das Schöne ist, manch anderes Publikum wäre vielleicht nach Hause gegangen und hätte gesagt: Da gehe ich nicht mehr hin. Das Schweriner Publikum fragt eher: Was soll das? Martin Nimz nimmt das Publikum sehr ernst. Auch im persönlichen Gespräch bemüht er sich, sein Theater zu erklären. Und man muss wissen, dass Martin Nimz überhaupt kein dekoratives Theater macht. Es gibt bei ihm keine kostümierten Klassiker. Nimz nimmt die Figuren auf der Bühne so ernst, wie wir glauben, dass sie einst so gemeint waren. Das ist nicht immer die Art, wie es jeder einzelne gerne hätte. Aber das ist Martin Nimz. Er setzt den Zuschauer ehrlichem Theater aus.

Wollen Sie die Bühne wieder zur legendären Bekanntheit wie unter einem Intendanten Christoph Schroth führen, der in den 80ern Theaterbesucher über die Grenzen der DDR hinaus für Schwerin begeisterte?

Ich halte es für sinnvoll, zunächst die Stadt und die Region anzusprechen. Das ist die Aufgabe eines solchen Stadttheaters. Wenn aber darüber hinaus überregionales Publikum angelockt wird, ist das zweifellos von Vorteil. Überregionale Aufmerksamkeit ehrt uns natürlich immer. Aber mein erstes Ziel ist immer, Theater für die Menschen in der Region zu machen. So machen wir unseren Spielplan. Es hat keinen Sinn, ein Stück zu inszenieren, um berühmt zu werden, zu dem aber das Publikum vor Ort nicht kommt.

Ist es in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatte um Populismus und Ehrlichkeit von Politik wieder Zeit für das Theater, sich einzumischen, für politisches Theater?

Theater mischt sich ein. Es fordert die Menschen immer zu Diskussionen. Aber ich bin kein Freund von politischem Theater. Für mich ist Theater immer zuerst eine Kunstform, eine multiple Kunstform. Aber wenn sich Verknüpfungen herstellen, dann ist das toll. Ich würde keinen politischen Spielplan machen. Ich weiß, dass es Intendanten gibt, die das immer tun. Das wird unter Intendanten auch viel diskutiert. Aber ist es das, was das Publikum von uns erwartet? Muss ich jetzt ständig Donald Trump und Flüchtlinge auf die Bühne bringen? Natürlich hat Theater immer etwas mit gesellschaftspolitischen Fragen zu tun. Wo kommen wir her? Was ist Heimat? Wie sehen wir die Vergangenheit? Aber das sind keine aktuellpolitischen Fragen, sondern das ist ein gesellschaftspolitischer Diskurs.

Sie machen mit den Schlossfestspielen einen großen Schwenk von Verdi zur „West Side Story“, von der italienischen Oper zum amerikanischen Musical, wie ist der Verkauf angelaufen?

Wir stehen kurz vor 15 000 verkauften Karten, also 25 Prozent unserer Zielzahl an Besuchern. Das ist gut. Das muss es auch. Denn die Entscheidung für die „West Side Story“ ist nicht nur eine Liebeserklärung an das Stück von mir, sondern es ist auch eine wirtschaftliche Entscheidung. Die Schlossfestspiele sind eine tolle Erfindung. Deshalb wollen wir alles dafür tun, sie als Wirtschaftsfaktor für die Region zu erhalten. Aber in den letzten Jahren gingen die Kartenverkäufe nun mal Jahr für Jahr leicht zurück. Wir müssen diesen Trend umkehren. Sonst sind die Schlossfestspiele für uns nicht mehr finanzierbar. Ich möchte die Schlossfestspiele umbauen und den alten Garten als Spielstätte vielleicht nicht über einen so langen Zeitraum beanspruchen.

Sie suchen eine neue Spielstätte für den Sommer?

Der Alte Garten in Schwerin ist die ideale Spielstätte. Aber wir wollen auch den Schlossinnenhof als alternative Spielstätte erarbeiten.

Das ist wirklich neu, was wollen Sie da spielen? Mantel-und-Degen-Stücke?

Mal sehen. Wir sind in guten Gesprächen, im nächsten oder im übernächsten Jahr im Schlossinnenhof zu spielen. Das werden die Schweriner mögen und es zieht Gäste an.

Wie ist Ihre Zuschauerbilanz nach dem ersten halben Jahr?

Die prozentuale Auslastung ist höher als im Vorjahr. Das ist sehr erfreulich. Wir haben uns zwar aus Personalgründen entscheiden müssen, weniger zu spielen. Wir haben ein paar Neuproduktionen mehr auf dem Spielplan, aber weniger Repertoirevorstellungen. Bis Dezember spielten wir etwa 50 Veranstaltungen weniger und hatten 3500 Besucher weniger als im Vorjahreszeitraum. Statt 88 500 Besucher kamen von August bis Dezember 85 000 Zuschauer. Das sind etwa 20 Prozent weniger Veranstaltungen und keine fünf Prozent weniger Zuschauer – immer gerechnet und verglichen gemeinsam mit den Zahlen im Theater in Parchim.

In den letzten Jahren gab es viel politisches Hick-Hack um die Theater im Land, wie haben Sie die Politik hier erlebt?

Was schwelt, das ist immer noch die Unsicherheit, wie man mit den gefassten Beschlüssen zur Umstrukturierung und zum bevorstehenden weiteren Personalabbau umgeht. Aber auch, als es in den Debatten hoch herging, hatte ich immer das Gefühl, das Vertrauen der zuständigen Politiker zu haben. Wir haben seit vergangener Woche einen neuen Aufsichtsratsvorsitzenden, Dr. Hansjörg Schmutzler. Wir werden weiter wie verabredet an der Reform arbeiten.

Eine letzte Frage: Sind Sie mit Ihrer Familie in Schwerin angekommen?

Ich habe mich schon immer auf die Stadt gefreut. Vor allem meine Frau hatte in Nordhausen schon ein bisschen Abschiedsschmerz, aber wir sind super hier angekommen. Die Kinder sind mit ihren Schulen sehr, sehr glücklich. Das ist für sie eine echte Verbesserung.
Danke für das Gespräch.
 

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