zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

17. November 2017 | 18:56 Uhr

Billiglöhne trotz Tarifvertrag

vom

svz.de von
erstellt am 18.Feb.2013 | 06:57 Uhr

Schwerin | Tariflöhne in MV auf Niedrigniveau: 7,60 Euro je Stunde für Bäcker im ersten Berufsjahr, 4,92 Euro für Leichtmatrosen in der Binnenschifffahrt, 7,23 Euro für Tätigkeiten nach Einarbeitung in Großbäckereien in MV, 5,96 Euro für Gesellen nach dem Facharbeiterabschluss im Fleischerhandwerk, 5,27 für Floristen im 1. Jahr, 6,65 Euro für Tätigkeiten mit Ausbildung im ersten und zweiten Jahr in Konsumgenossenschaften - in 42 Branchen in Mecklenburg-Vorpommern müssen tausende Beschäftigte trotz Tarifvereinbarungen der Sozialpartner mit Stundenlöhnen zum Teil deutlich unter dem Mindestlohnniveau von 8,50 Euro auskommen. Das geht aus einer Tarifübersicht des Sozialministeriums hervor. Danach stehen den Beschäftigten trotz Tariflöhnen monatlich weniger als 1400 Euro zur Verfügung.

Zumindest in der wegen Niedriglöhnen stark in der Kritik stehenden Hotel- und Gaststättenbranche in MV wird sich daran schnell nichts ändern. Auch nach den 2012 vereinbarten Tariferhöhungen in mehreren Stufen um 17 Prozent hält die Branche im Bundesvergleich die rote Laterne. Trotz der kräftigen Lohnerhöhung erhalten Beschäftigte der untersten Gehaltsstufe erst 2014 einen Stundenlohn von 7,50 Euro. Die Vereinbarung sei ein Kompromiss zweier Seiten und habe bis März 2015 Bestand, sagte Matthias Dettmann, Landeschef des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) gestern. Der Abschluss zeige, dass Tarifautonomie funktioniere und sich Gewerkschaften und Arbeitgeber einigen könnten.

Mit dem Tarifangebot lässt die Vorzeigebranche in MV aber selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Regen stehen. Die Regierungschefin hatte die Hoteliers und Gastronomen in MV erst vergangene Woche aufgefordert, den Beschäftigten höhere Löhne zu zahlen.

Darauf werden Beschäftigte in den untersten Gehaltsgruppen noch Jahre warten müssen. Den Billiglöhnern machen die Arbeitgeber nur kleinste Zugeständnisse: Derzeit werde die Allgemeinverbindlichkeit für die unterste Einkommensgruppe geprüft, erklärte Dehoga-Chef Dettmann gestern: "Wir wollen eine Grenze einziehen" - bei zunächst 7,50 Euro. Billiglöhne scheinen vorerst auch in anderen Branchen Bestand zu haben: Vor einer Woche hatte Bundeskanzlerin Merkel die flächendeckende Einführung von regional unterschiedlichen, aber verbindlichen Lohnuntergrenzen für alle Beschäftigten, die nicht nach Tarifvertrag bezahlt werden, gefordert. Das würde die Lohnunterschiede auch 23 Jahre nach der Wende zementieren, kritisierte Ingo Schlüter, DGB-Vize Nord, den Vorschlag. "Die Kanzlerin betreibt mit ihrer Forderung nach Lohnuntergrenzen - für Bereiche wo es keine tarifvertraglich geregelten Löhne gibt - Augenwischerei. Gerade die von ihr zitierten Köche, Kellner und Zimmermädchen haben Tarifverträge mit Löhnen unter 8,50 Euro", kritisierte auch Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD). "Sollen Menschen von ihrem Lohn leben können, dann gibt es nur eine richtige Antwort: Wir brauchen den flächendeckenden, gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro."

Zumindest im Einzelhandel scheint die Zeit der Niedrigstlöhne vorbei: In der voraussichtlich nach Ostern beginnenden neuen Tarifrunde werde man keinen Abschluss unter 8,50 Euro je Stunde akzeptieren, kündigte die MV-Tarifexpertin der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Conny Toepfer, gestern gegenüber unserer Redaktion an: "Darunter läuft nichts."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen