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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 03:53 Uhr

MAler mit Handicap : Bilder aus aller Welt

vom
Aus der Onlineredaktion

Der Maler Götz Schallenberg stellt im Plauer Mediclin-Rehazentrum aus – als Patient für Patienten und ihre Besucher

svz.de von
erstellt am 11.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Der Mann im Rollstuhl hört schlecht, ein Tuch verdeckt die Trachealkanüle in seinem Hals. Doch er spricht mit fester Stimme. Immer wieder fährt der Zeigefinger in die Höhe. Nicht belehrend, sondern Aufmerksamkeit heischend. Aufmerksamkeit für seine Bilder und die Geschichten, die dahinterstecken. Es sind Bilder aus aller Welt: aus Island, der Schweiz, Thailand, Australien, Mikronesien, Kenia, Griechenland und vielen anderen Ländern, in kräftigen Farben und klaren Strukturen gehalten. Götz Schallenberg hat all diese Länder bereist – als er noch nicht im Rollstuhl saß, zusammen mit seiner Frau Sibylle. Seine Hand weist auf eines der Bilder, das die überdimensionalen Steinköpfe auf den Osterinseln zeigt: „So weit sind wir gekommen. Einmal den Moai gegenübertreten, das war mein Traum – und ich habe ihn mir erfüllt.“

Überallhin habe er Malutensilien mitgenommen, mit Filzstift, Pastellkreide oder Aquarellfarben Studien gemacht, die er dann zu Hause umgesetzt hätte. Nach beinahe 40 Bildern habe er festgestellt, dass fast auf allen die Sonne zu sehen ist. Tatsächlich sei das nicht nur ein Symbol, mit dem er Spannung aufbaue, sondern auch Ausdruck eines Lebensgefühls: „Seit dem Fall der Mauer bin ich ein freier Mann – ich habe überall die Sonne gesehen“, sagt Götz Schallenberg.

Vor dem Mauerfall hatte er in Berlin Kunsterziehung und Geschichte studiert und zwei Jahre lang als Lehrer gearbeitet. Dann machte er die Kunst zu seinem Beruf, anfangs als Maler, später mehr noch als Grafiker und Holzbildhauer. Obwohl – oder gerade weil – er die Tochter des Malers Otto Nagel, der von 1956 bis 1962 Präsident der Akademie der Künste der DDR war, heiratete, rebellierte er zunehmend gegen die Kulturpolitik des sozialistischen Staates. „Als ich schließlich meinen Rücktritt als Direktor des Otto-Nagel-Hauses einreichte, kam ich auf eine schwarze Liste“, erinnert sich Schallenberg. Das sei 1980 gewesen und einem Berufsverbot gleichgekommen. Während andere Künstler in vergleichbarer Situation die DDR verließen, zog sich das Ehepaar Schallenberg aus Berlin zurück in den nördlichsten Zipfel der Prignitz, baute dort in Kuwalk ein einsames Gehöft aus. „Mein Geld habe ich dann mit Privataufträgen und Gebrauchsgrafik für die Industrie verdient“, erzählt der vielseitige Künstler.

„Wäre es so weitergegangen mit der DDR, wären wir wohl verblödet“, blickt er auf die Zeit im selbst gewählten Exil zurück. „Ich habe vor der Wende gerade mal vier Länder kennengelernt. Danach war ich auf allen Kontinenten.“ Und: Götz Schallenberg war plötzlich wieder als Künstler gefragt. Einer ersten Ausstellung in Hamburg unmittelbar nach der Wende folgten im Laufe der Jahre weitere in fast allen Bundesländern. Der Hof des Ehepaares, auf dem es jährlich die „Kuwalkade“ veranstaltete, wurde zum Mekka für Künstler und Kunstinteressierte. Von ihren Reisen, viele davon auf Kreuzfahrtschiffen, brachten Sibylle und Götz Schallenberg immer neue Ideen, immer neue Inspiration mit.

„Ein künstlerisch tätiger Mensch muss ein freier Mensch sein“, ist der 72-Jährige überzeugt. Das gelte für jede Gesellschaft, „deshalb ecken Künstler auch in jeder Gesellschaft an“. Auch er selbst würde wohl jetzt noch anecken, meint er – wenn ihn nicht gleich eine ganze Reihe von Schicksalsschlägen ereilt hätte: Hirnbluten, ein Hirninfarkt – „meine Frau glaubte, dass ich der Erste von uns sein würde, der geht“. Tatsächlich aber genas er wieder. Dafür starb Sibylle Schallenberg vor eineinhalb Jahren ganz plötzlich. Für ihren Mann ein Schock. Um „vor Einsamkeit nicht verrückt zu werden“, machte er dennoch weiter, schuf neue Werke, organisierte weitere Ausstellungen. Bis er im Herbst schwer stürzte und sich an der Wirbelsäule verletzte. Viermal musste er operiert werden, sitzt seither im Rollstuhl. Seine linke Hand ist gelähmt – die Hand, mit der er überwiegend gearbeitet hat.

„Ich habe begreifen müssen: Jetzt muss ich anders leben, es geht nicht anders. Und wenn man das akzeptiert, kann man auch das nutzen, was übrig bleibt“, sagt Schallenberg und fügt mit dem ihm eigenen Humor dazu, um Glück sei er ja nicht auf den Kopf gefallen, da sei noch alles drin.

Anders leben: Das heißt zum einen, dass er den abgelegenen Künstlerhof in Kuwalk aufgeben wird. Vor allem aber heißt es, dass der Linkshänder geradezu verbissen seine rechte Hand trainiert, um damit einmal all die Dinge umsetzen zu können, die er noch im Kopf hat. „Ich bewundere, mit welcher Kraft und welchem Willen er das tut“, sagt Prof. Erich Donauer, der Ärztliche Direktor des Mediclin Klinikums in Plau am See. Seit Ende September wird Götz Schallenberg dort behandelt, erst im Akutkrankenhaus, inzwischen im Rehazentrum. Hier, in der Aula, stellt er jetzt auch seine „Bilder aus aller Welt“ aus. „Wir hatten schon öfter Ausstellungen von Patienten für Patienten, aber diese ist doch eine ganz besondere“, meint die kaufmännische Direktorin , Anette Liedtke.

Für Götz Schallenberg ist die Ausstellung ein wichtiger Schritt zurück ins Leben. Den nächsten, so hofft er, wird es im Mai geben: „Das Land will sieben meiner Werke aufkaufen und ausstellen – und sie haben mir gesagt, das geht nur, wenn ich dabei bin.“ Eine große Ehre sei das für ihn, gesteht der Künstler. Und Ansporn, auch das Nächste endlich zu schaffen, was er sich vorgenommen hat: seine Autobiografie herauszugeben. Im Herbst, so hofft Götz Schallenberg, soll es so weit sein.

Die Ausstellung „Bilder aus aller Welt“ kann auch von Außenstehenden täglich zu den Klinik- Öffnungszeiten besichtigt werden.

 

 

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