Beweislast gegen Fred Fischer wächst

Uwe Meißelbach gewährt den Linkspolitikern Thomas Domres (l.) und Frank Döring sowie Manfred Lokatis (r.) Einblick in seine Stasiakte. Aus der geht hervor, dass Fred Fischer ihn bespitzelt habe. Foto: Hanno Taufenbach
Uwe Meißelbach gewährt den Linkspolitikern Thomas Domres (l.) und Frank Döring sowie Manfred Lokatis (r.) Einblick in seine Stasiakte. Aus der geht hervor, dass Fred Fischer ihn bespitzelt habe. Foto: Hanno Taufenbach

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01. Mai 2012, 07:46 Uhr

Perleberg | Der Fall Fred Fischer und seine Tätigkeit für die Stasi erreicht eine neue Dimension. Fehlte bislang in den offiziell bekannten Dokumenten der Beleg, dass der heutige Perleberger Bürgermeister wissentlich als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) für die Stasi spionierte, scheint diese Lücke nun geschlossen: Uwe Meißelbach legt Dokumente der Berliner Stasi-Behörde vor, die Berichte von Fischer und später von IM Uwe, Fischers Decknamen, über ihn beinhalten.

Meißelbach sieht sich als Opfer und bezichtigt Fred Fischer der Lüge, wenn dieser behaupte, nicht wissentlich als IM gearbeitet zu haben. Am vergangenen Montag war Uwe Meißelbach im DDR-Museum Perleberg, schilderte im Beisein von Perleberger Stadtverordneten und anderen Interessierten seine Geschichte und gewährte Einblick in seine Stasiakte.

In der NVA war er Chef der Spezialaufklärungskompanie V und der Vorgesetzte von Fred Fischer. Dass er ins Visier der Stasi geriet, erklärt Meißelbach mit Vorwürfen, die er selbst als belanglos einstuft. Er habe Westfernsehen geschaut, einmal im Intershop eingekauft und "einer Frau hinterher gesehen", zählt Meißelbach auf. Das habe offenbar ausgereicht, um gegen ihn wegen Landesverrat zu ermitteln, wie es aus den von ihm vorgelegten Stasiakten hervorgeht. "Man hat mir Kontakt zu westlichen Geheimdiensten vorgeworfen und den operativen Vorgang ,Demagoge angelegt", sagt er.

Dokumente erwähnen IMS-Kandidat Fischer

Insgesamt seien sechs IM auf ihn angesetzt gewesen. In den Unterlagen der Stasibehörde sind alle sechs aufgelistet, darunter IMS (Inoffizieller Mitarbeiter Sicherheit) Uwe. Interessant dabei ist, dass im Bericht vom 20.12.1982 noch von Fischer die Rede ist, aber am 3.2.1983 heißt es bereits "IMS-Kandidat Fischer" und im Bericht vom 27. 7. 1983 wird IMS Uwe als Autor genannt. Handschriftliche Berichte ordnet Meißelbach zweifelsfrei Fred Fischer zu, auch inhaltliche Details sprechen aus seiner Sicht eindeutig für den Verfasser Fischer.

Treffen zwischen Fischer und der Stasi habe es den Unterlagen nach sogar in Fischers Dienstgebäude gegeben. Aus Sicherheitsgründen war das eher ungewöhnlich, aber die Stasi sah "keine Gefährdung der Konspiration", heißt es in den Unterlagen, da ein Treffen mit NVA-Offizieren nicht weiter auffallend gewesen sei.

Uwe Meißelbach verneint, dass er selbst oder seine Abteilung offiziell Berichte direkt für die Stasi geschrieben habe. "Wir waren keine Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit", sagt er. Die Ermittlungen gegen ihn seien eingestellt worden, im Ergebnis wurde er versetzt und beendete 1983 auf eigenen Wunsch seinen Dienst bei der NVA. Während eines Verhörs durch die Stasi sei ihm bewusst geworden, dass er diesem Land nicht länger dienen wolle.

Die Stadtpolitik von Perleberg interessiere ihn nicht, auch nicht der Zwist der Fraktionen untereinander. Aber als er in den Medien Fischers persönliche Erklärung zu dessen Kontakten zum Ministerium für Staatssicherheit (MfS) las, habe er sich an die Fraktionschef gewandt, um die Widersprüche aufzuzeigen.

Fischer hatte im vergangenen Februar erklärt, zwar Kontakte zum MfS gehabt zu haben, aber nur im Rahmen seiner Tätigkeit als Offizier der NVA. "Diese Kontakte habe ich daher nicht inoffiziell, sondern als offiziell, gesetzeskonform und den dienstlichen Vorschriften und Befehlen folgend, wahrgenommen", erklärte Fischer. Die Registrierung einer IM-Tätigkeit "geschah ohne meine Kenntnis oder einer Verpflichtung meinerseits", sagte er weiter. An dieser Darstellung hielt Fischer bis zu seiner jüngsten Erklärung im Stadtparlament fest.

Mehrheitlich haben die Stadtverordneten entschieden, dass Fischer IM war. Der Bericht des städtischen Untersuchungsausschusses zur Überprüfung der Abgeordneten lasse keinen anderen Schluss zu. Meißelbachs Akte stütze diese Sicht. Dr. Jürgen Rogge sprach von einer "Frechheit, dass die Linke Fischer als Opfer der Stasi darstellt". Malte Hübner-Berger (stellvertretender SPD-Ortsvorsitzender) fordert Konsequenzen und mahnt an die Adresse der Linksfraktion, den Fall Fischer "nicht zur Hängepartie werden zu lassen". CDU-Fraktionschef Rainer Pickert stellte klar, dass die Berichte über Meißelbach keine dienstlichen Belange enthalten, sondern private Details und kommt zu dem Schluss: "Unsere vorliegenden Akten sind schon ausreichend, um ein Urteil zu fällen." Meißelbachs Akte mache jede weitere Frage zu Fischers Stasi-Kontakten überflüssig. Der Linke-Fraktionsführer Thomas Domres räumt nach Einsicht der Meißelbach-Akte ein: "Diese Unterlagen kannte ich nicht, darüber müssen wir mit Fred Fischer reden."

Eine erste Konsequenz der Linksfraktion gab Domres gestern bekannt: Auf der morgigen Sitzung der Stadtverordneten werde seine Fraktion den Antrag auf einen Bürgerentscheid zur Abwahl von Fred Fischer stellen. Die Sitzung ist öffentlich und beginnt um 18 Uhr.

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