Assistenzhund für ALS-Patientin : Bester Freund Skipper

Erfolgreich beschnuppert: Petra Behrendt und  Retriever Skipper sind schon jetzt ein Herz und eine Seele.

Erfolgreich beschnuppert: Petra Behrendt und Retriever Skipper sind schon jetzt ein Herz und eine Seele.

Ein Assistenzhund würde für Petra Behrendt, die an ALS leidet, eine große Hilfe sein – doch der Herzenswunsch der Rostockerin droht an den Kosten zu scheitern

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06. August 2016, 07:25 Uhr

Petra Behrendt wird diesen Tag womöglich nie wieder aus dem Kopf bekommen: Vor wenigen Wochen war sie morgens im Bad gestürzt – und damit hilflos. Denn die 55-Jährige leidet an Amyotropher Lateralsklerose, kurz ALS, jener degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, die durch die „Ice-Bucket-Challenge“ einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Bei Petra Behrendt hat die Erkrankung in den Beinen begonnen, sie gehorchen ihr kaum, nur einige wenige Schritte kann sie noch, wie an jenem verhängnisvollen Morgen, mit dem Rollator zurücklegen. Ansonsten ist sie auf den Rollstuhl angewiesen.

Nach dem Sturz robbte die Rostockerin so gut es ging auf dem Fußboden durch die Wohnung, um sich anzuziehen. Dann griff sie nach dem Handy, das sie bei sich trug, um Hilfe zu rufen – doch wie so oft hatte sie in ihrer Wohnung in Lütten Klein keinen Empfang. „Also kroch ich zur Wohnungstür, schaffte es auch, sie zu öffnen, und wartete, dass jemand auf dem Flur vorbeikam“, erinnert sich Petra Behrendt. „Können Sie mir bitte helfen“, hätte sie die erste Nachbarin, die vorbeieilte, angesprochen. Doch die erwiderte nur „Ich muss zur Arbeit“ und ging weiter.

ALS
Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) führt zu zerstörten Nerven und fortschreitender Muskellähmung. Die Betroffenen können sich im Verlauf der Erkrankung immer weniger bewegen. Sie haben Schwierigkeiten beim Schlucken, Sprechen und Atmen, bleiben in der Regel aber geistig fit. Die Krankheit tritt häufig um das 50. Lebensjahr auf, etwa die Hälfte der Patienten stirbt innerhalb der ersten drei Jahre. Nur in Ausnahmefällen leben sie länger als ein Jahrzehnt mit der bisher unheilbaren Krankheit. Die Todesursache ist meist Atemlähmung. In Deutschland gibt es nach Informationen der ALS-Hilfe etwa 8000 ALS-Patienten, rund 2000 Patienten sterben im Jahr.

„Sie hätte mich gar nicht aufheben und in den Rollstuhl setzen müssen, dazu braucht man tatsächlich viel Kraft oder eine bestimmte Technik“, meint Petra Behrendt. „Es hätte schon gereicht, wenn sie mein Festnetztelefon von der Anrichte geholt hätte, dann hätte ich mir selbst Hilfe gerufen.“ So aber musste sie drei Stunden auf dem Fußboden verbringen, bis endlich eine per Whats-App-Nachricht alarmierte Bekannte mit ihrem Mann vorbeikam, um Petra Behrendt aufzuhelfen.

 Eine Aufgabe und Leben in der Wohnung

„Ich war so fertig – das war schlimmer als der Tag im letzten Sommer, an dem ich die Diagnose ALS bekommen habe“, sagt Petra Behrendt heute. Und: „Wenn ich einen Assistenzhund hätte, wäre mir das nicht passiert. Denn er hätte mir das Festnetztelefon holen oder auch auf dem Flur so lange bellen können, bis Hilfe gekommen wäre.“

Schon seit Monaten wünscht sich Petra Behrendt nichts sehnlicher als einen vierbeinigen Begleiter. „Ein gut ausgebildeter Hund könnte mir Türen öffnen, Sachen aufheben, Schuhe ausziehen, Lichtschalter bedienen oder in Notsituationen Hilfe holen“, ist sie überzeugt. All das sind Dinge, die sie allein nur noch bedingt oder überhaupt nicht mehr kann.

Dazu kommt: Ein Hund würde Leben in ihre Wohnung bringen, wäre zugleich auch wieder eine Aufgabe für sie. Denn Petra Behrendts Kinder wohnen mit ihren Familien in Berlin bzw. Corin. „Sie haben mit sich selbst zu tun, und ich will ihnen auch nicht zur Last fallen“, sagt sie tapfer. Doch sie bemerkt auch, dass sich Freunde und Bekannte zurückziehen, weil sie mit ihrer Krankheit nicht zurechtkommen. „Neue Kontakte zu knüpfen ist genauso schwer – denn es weiß ja keiner, wie lange ich überhaupt noch irgendetwas mitmachen kann.“ Einem Hund sei das alles egal, „der bleibt auch bei uns, wenn wir nicht mal mehr allein essen können und sabbern…“

Über den Verein Rehahunde Deutschland in Tessin hat Petra Behrendt schon ihren Traumpartner gefunden: Skipper, einen Golden Retriever.

Welpen werden nach Charaktereigenschaften ausgewählt

Der würde jetzt, wenn er ein Mensch vergleichbaren Alters wäre, in die Schule gehen. Ende Juli ist der der cremefarbene Rüde ein Jahr alt geworden – und tatsächlich steckt er mitten in der Ausbildung. Das Stadium, in dem er das Einmaleins des guten Hundebenehmens erlernt hat – die Grundbefehle, das Verhalten in der Öffentlichkeit, bei Begegnungen mit anderen Hunden und noch vieles mehr –, ist allerdings schon vorbei. Bei seiner Trainerin Tina Wenndorf wird Skipper inzwischen auf seinen künftigen „Beruf“ als Assistenzhund vorbereitet. Ende des Jahres, so sagt seine Ausbilderin, die ehrenamtlich für den Verein Rehahunde Deutschland arbeitet, könnte er so weit sein, dass er zu Petra Behrendt umzieht.

„Zuerst kommen all unsere Welpen, die wir von Züchtern beziehen, in Patenfamilien“, erläutert Astrid Ledwina, die für den Rehahunde-Verein die Ausbildung koordiniert. Dort laufe die Grundausbildung, und dort werde auch schon danach geschaut, wofür der einzelne Hund später geeignet sein könnte. Begleithunde für Menschen mit Autismus, Posttraumatischen Belastungsstörungen oder Epilepsie, Diabetes-Warnhunde oder Assistenzhunde für Menschen mit motorisch-statischen Beeinträchtigungen bildet der in Tessin ansässige Verein unter anderem aus. Mittlerweile hätten mehr als 100 solcher vierbeinigen Spezialisten vermittelt werden können, erzählt Astrid Ledwina nicht ohne Stolz – längst nicht nur nach Norddeutschland, sondern bis hin nach Bayern oder Baden-Württemberg.

„Ein Therapiehund muss ausgeglichen sein und darf sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen“, erläutert die erfahrene Ausbilderin. „Ein sehr anhänglicher Hund mit guter Nasenarbeit könnte Epilepsie oder Diabetes erspüren.“ Assistenz- oder Behindertenbegleithunde dagegen müssten sehr, sehr arbeitsam, agil und aufmerksam sein – auch Skipper zeichnen diese Eigenschaften aus.

Ausbildung auf Frauchens Bedürfnisse ausgerichtet

Was der einzelne Hund lernen soll, wird zusammen mit den künftigen Frauchen oder Herrchen ganz nach deren individuellen Handicaps herausgearbeitet. Skipper lernt also zum Beispiel, Türen zu öffnen – nicht, indem er auf die Klinke springt, sondern indem er an einer daran befestigten Schlaufe zieht. Er darf Tina Wenndorf helfen, die Wäsche zu sortieren, sie in die Waschmaschine und später wieder heraus befördern und sie zum Aufhängen zureichen. Auch das Telefon muss er holen können – sicherheitshalber kommt es dazu in eine Hülle, damit der Hund nicht mit seinen Zähnen selbst „wählt“. Wenn er später mit seinem Frauchen im Rollstuhl unterwegs ist, muss er dafür sorgen, dass ihr im Gedränge der Weg freigemacht wird. Und er muss erkennen, wenn sie Hilfe braucht und die dann herbeibellen.

Anders als die meisten „Auszubildenden“ im Rehahunde-Verein trifft Skipper sein künftiges Frauchen Petra Behrendt jetzt schon. „Bei Klienten, die weiter weg wohnen, geht das natürlich nicht“, erklärt Astrid Ledwina. „Auch mit ihnen stehen wir aber ständig im Kontakt, persönlich oder über Facebook, und schicken auch schon mal Fotos ihres Hundes.“

Bei Petra Behrendt und Skipper scheint es, als würden sie einander schon ewig kennen. Obwohl Tina Wenndorf, im Moment noch seine Bezugsperson Nummer eins, dabei ist, läuft der Hund schwanzwedelnd auf sein künftiges Frauchen zu, lässt sich von ihr umarmen und steigt ihr schließlich beinahe auf den Schoß.

Kassen zahlen für Blinden-, aber nicht für Assistenzhunde

Noch aber gibt es eine große Hürde, bevor beide tatsächlich zu einem Team werden können: Die Ausbildung eines Assistenzhundes ist sehr teuer. Die 28 000 Euro kann die Rostockerin, die schon seit längerem wegen ihrer Erkrankung nicht mehr arbeiten kann, nicht aufbringen. „Die Krankenkassen zahlen leider nur für Blindenhunde, nicht für Assistenzhunde“, musste sie erfahren. Dabei seien die für die Kassen doch letztlich wieder sehr viel preiswerter, als wenn sie rund um die Uhr einen Pflegedienst bezahlen müssten.

Auch die Bitte um Spenden, die Petra Behrendt an zahlreiche Stiftungen, aber auch an die 50 größten Firmen in Rostock richtete, verpuffte größtenteils ungehört. „Für Kinder und vernachlässigte Tiere geben die Meisten gern, aber für eine normale Frau, die krank ist und trotzdem ihre Selbstständigkeit liebt…“, sagt sie nachdenklich. Das ist umso tragischer, als dass sie selbst 25 Jahre lang kranken Menschen wieder Lebensmut gegeben hat. Auf ihrem Reiterhof in Brandenburg arbeitete Petra Behrendt bis zu ihrem Umzug nach Rostock unter anderem auch mit Autisten und Kindern, die im Rollstuhl saßen.

Unterkriegen lassen will sie sich dennoch nicht. Schließlich habe sie sich fest vorgenommen, trotz der schlimmen Diagnose positiv zu denken. „Vielleicht“, so sagt Petra Behrendt nachdenklich, „kann man diese Sch…krankheit auf die Art und Weise sogar in die Knie zwingen.“

Durch Spenden soll Petra Behrendts Traum wahr werden

Skippers Trainerin wünscht ihr sehr, dass das klappt. Und vor allem hofft sie, dass Skipper Petra Behrendt bald zur Seite stehen kann. Dass sie sich dann von dem Rüden verabschieden muss, sieht sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Aber ich wusste ja von Anfang an, dass wir nur eine begrenzte Zeit lang zusammenbleiben.“ Außerdem, so Tina Wenndorf, habe sie neben ihrem eigenen derzeit auch noch einen zweiten „Azubi-Hund“ bei sich – um alle drei kümmert sie sich neben ihrer Arbeit als Servicekraft.

„Wie würden uns sehr wünschen, dass doch noch über Spenden genug Geld zusammenkommt, damit Skipper bald zu Frau Behrendt umziehen kann“, sagt auch Astrid Ledwina. „Für sie würde das so viel mehr Lebensqualität bedeuten.“

Für entsprechende Zuwendungen hat der Verein Rehahunde Deutschland e.V. bei der VR Bank Rostock ein Spendenkonto eingerichtet. IBAN: DE 56 1309 0000 0042 5341 18, Verwendungszweck: Petra Behrendt. Auf Wunsch werden Spendenquittungen ausgestellt.

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