zur Navigation springen

formare in Rostock : Besser mit eigenen, als mit fremden Augen sehen

vom
Aus der Onlineredaktion

27. Kunstschau des Künstlerbundes MV setzt sich in Rostock unter dem Titel „formare“ mit 500 Jahren Reformation auseinander

von
erstellt am 05.Aug.2017 | 16:00 Uhr

In der „ungläubigsten Region der Welt“ eine Kunstausstellung zum 500. Jubiläum der Reformation? Gewagt, gewagt. Der Künstlerbund Mecklenburg-Vorpommern hatte, nach hitzigen Debatten, den Mut und präsentiert ab heute in Rostock an vier Standorten in der 27. Landeskunstschau 52 Künstler, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Die einzige Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst im Land, die auf den Spuren der Reformation wandelt.

Immerhin ist der Titel „formare“ – also gestalten, formen, schöpfen, bilden – so vielschichtig und vieldeutig, dass er sowohl inhaltlich als auch von den Bildsprachen her vieles zulässt. Darum erlaubt die Ausstellung nicht nur einen Einblick in die aktuelle Kunstszene Mecklenburg-Vorpommerns, sondern zeigt auch die Vielstimmigkeit aktueller künstlerischer Sprachen – von Malerei und Grafik über Skulptur und Fotografie bis zu Videos und Rauminstallationen – mit einer Tendenz zu abstrakten Arbeiten und solchen aus dem Geiste der Konzeptkunst.

Beginnen wir unseren Rundgang. Natürlich können wir nicht allen 52 Künstlern gerecht werden, einige Werke waren bei einem ersten Besuch auch noch nicht vor Ort.

Martin Luther selbst wird in der Kunstschau, wie nicht anders zu erwarten, in vielerlei Gestalt heraufbeschworen oder zitiert. Thomas Wageringel etwa erinnert mit seinem Druck, der die Bannbulle des Papstes zeigt und einen großen Tintenklecks, an die Mär, Luther habe als Junker Jörg auf der Wartburg mit einem Tintenfass nach dem Teufel geworfen. Während Wilko Hänsch auf seinem Acrylbild den großen Reformator in Beziehung setzt zu Lessing, dessen Ringparabel und der Frage, ob eine Religion besser sei als die andere. Klaus-Dieter Steinberg stellt Bruder Martinus illustrativ als Mönch mit Kutte und erhobenem Hammer dar, flankiert von der vielzitierten Hand Gottes und Adams Zeigefinger auf Michelangelos Fresko „Die Erschaffung Adams“ in der Sixtinischen Kapelle. Das Deckblatt mit den weltverändernden 95 Thesen scheint seinen Körper in der Mitte zu zerschneiden. Günter Kadens tanzender Bronze-Luther mit Tonsur und Schmerbauch, die Mönchskutte anmutig gelüpft, steht in aparter Beziehung zu einem riesigen Fotoprint von Sylvester Antony über einem Portal der Petrikirche. Darauf lächelnd knapp bekleidete Playboybunnys und in großen gelben Lettern der respektlose Wunsch: „Hi Martin, congratulations to your reformation! Bunnys wie tanzender Mönch könnten auf Luthers Lebensfreude verweisen. Nicht zuletzt nach der Heirat mit der Nonne Katharina von Bora, die in Wittenberg gemeinsam mit ihren gleichfalls geflohenen acht Mitschwestern als „Mönchshuren“ diffamiert wurden.

Solche Beziehungen zwischen Kunstwerken und auch den Arbeiten zu den vier sehr unterschiedlichen Ausstellungsräumen herzustellen, war eines der Anliegen von Kuratorin Petra Schröck. Die Berliner Kunstvermittlerin hat die meisten der ausstellenden Künstler erst bei der Arbeit an dieser Kunstschau kennengelernt. „Ich konnte einen sehr positiven Eindruck von der Kunstszene des Landes gewinnen und habe Lust, mich mit einzelnen Künstlern intensiver zu beschäftigen.“ Freilich, gesteht die Kuratorin, mehr Provokation hatte sie schon erwartet. Wie überhaupt auffällt, dass die dunklen Seiten der Reformation kaum zum Thema gemacht wurden. Neben Luther selbst haben gleich mehrere Künstler das christliche Symbol schlechthin ins Zentrum ihrer Arbeiten gestellt. Jürgen Diestel hofft, unter seinem „Abstrakten Kreuz“ mögen Andachten verschiedener Theologen stattfinden. Josef A. Kutschera löst in seinen Tuschezeichnungen die Kreuzform auf und beschwört mit seinen schwarzen Abstraktionen Leidensgeschichten herauf. Annette Leyener lässt auf der Empore der Petrikirche ein Kreuz aus Reflektoren leuchten – Geistliches trifft auf Profanes. Regina Zacharski provoziert mit zwei Gekreuzigten, die gemeinsam mit weiblichen Figuren am Kreuz hängen. Und Klaus-Dieter Steinberg inszeniert auf seinem Kreuz in der Nikolaikirche ein ganzes Bildertheater voller Ironie und Provokation.

Beenden wir den Rundgang bei Daniela Melzig, die Luthersprüche in verschiedenen Handschriften heutiger Menschen auf Glas druckte und Ausstellungsbesucher dazu einlädt, in einen dicken Folianten eigene Lieblingssprüche hineinzuschreiben.

Einer der Sätze aus Luthers wichtigsten Schriften könnte als Motto für diese 27. Landeskunstschau stehen und soll auch unsere Empfehlung sein, die Rostocker Schau in den kommenden vier Wochen nicht zu verpassen: „Denn es ist viel besser mit eigenen als mit fremden Augen zu sehen.“ 

Öffnungszeiten

„formare“:  27. Kunstschau des Künstlerbundes Mecklenburg und Vorpommern

5. August bis 3. September 2017 in Rostock, Di bis So, 14 bis 18 Uhr, Eintritt frei

Ausstellungsorte: Kunstverein zu Rostock (Amberg 13), Nikolaikirche, Petrikirche, Zentrum Kirchliche Dienste Alter Markt 19)

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, 132 Seiten, 12 Euro.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen