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Theaterstück „Nur für drei Tage“ : Besser als Deutsch

vom
Aus der Onlineredaktion

Wie reagieren Schüler auf das intensive Theaterstück „Nur für drei Tage“? Eine Beobachtung im Parchimer Theater in drei Akten

svz.de von
erstellt am 23.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Der erste Akt. Gelangweilt stehen sie vor der Parchimer Stadthalle, kurz nach halb zehn Uhr morgens. Streng getrennt, hier die Jungen und da die Mädchen. Sie reden nicht viel. Die meisten starren auf ihre Handys, wischen auf ihnen herum, halten sie in Richtung ihrer Mitschüler. „Hier, hast du das schon gesehen?“, fragt der eine. „Ja, das ist doch schon alt“, sagt der andere. Eigentlich hätten sie jetzt Unterricht, die Schüler des Elbe-Gymnasiums Boizenburg und der Regionalen Schule Malliß. Aber statt Facebook, Grammatik oder binomischer Formeln gehen sie ins Theater, das Stück „Nur für drei Tage.“ Im Unterricht sind sie gewarnt worden, es ginge heftig zur Sache: Gewalt, Blut, Sex und Drogen. Und auch nach dem Stück soll darüber gesprochen werden. Zwischen den Schülern steht die Regisseurin, Katja Mickan. Sie kommt vom Rauchen. Nervös sei sie. Wie würden die Schüler reagieren?

Der zweite Akt. Noch ist niemand auf der Bühne. Getuschel und Blicke: Wer sitzt neben wem? Ein Mädchen kämmt sich die Haare, eine andere blickt in einen kleinen Handspiegel. Bitte alle Handys ausmachen, sagen die Lehrer. Dann wird es still. Eine Schauspielerin robbt über den Boden. Sie krächzt. Sie stöhnt. Sie schreit. Ein T-Shirt und ein schwarzer Slip, mehr trägt sie nicht. Die Schüler kichern, manche lachen sogar. Später, nach der Vorstellung, wird einer von ihnen sagen, diese Intensität der Schauspieler, das Krächzen, das Stöhnen, das Schreien: Er hätte das nicht gekannt. Mit jeder abgelaufenen Minute werden die Schüler mehr in den Bann gezogen. Oder besser: in den Bunker. Denn das ist die Geschichte. Vier junge Menschen auf der Suche nach einem Abenteuer. Drei Tage hemmungslose Party als Belohnung für die Schulzeit, die gerade ihr Ende gefunden hat. Aber nicht draußen in der Freiheit, sondern fernab von der Familie, den Schulkameraden, den Sorgen. In einem Bunker. Sie trinken Alkohol, ihre Nasen sind weiß vom Kokain. Und dann der Sex. Hündchenstellung, Wichsen, Fotze, Schlampe, lautes Stöhnen: Die Schüler lachen bei jeder noch so entfernten Bemerkung über Sex. Mal dreckig, mal aus Fremdscham, weil nur ein paar Meter vor ihnen Schauspieler den nackten Hintern zeigen oder ihren Büstenhalter ausziehen. Aber das Stück ist mehr. Denn die Party wird zum Albtraum. Der Bunker bleibt geschlossen. 18 Tage lang. Es geht um Leben oder Tod. Eine krepiert regelrecht, sie verblutet. Danach eine wüste Schlägerei, überall ist Blut, der nächste stirbt, er erliegt seinen Kopfverletzungen. Zum Schluss erdrosselt ein Mädchen einen Jungen und schneidet ihm die Pulsadern auf. Drei der vier jungen Menschen sterben. Sie tun es vor den Augen der Schüler. Die meisten sind dabei still. Einige halten sich die Hände vor das Gesicht, andere kauen auf ihren Fingernägeln. Und eine andere sagt: „O Gott, sie bringen sich wirklich um!“

Der dritte Akt. Der Vorhang ist gefallen. Nach einem langen Applaus stehen sie auf, streifen ihre Jacke über und gehen zurück zu den Bussen. Fast keiner guckt auf sein Handy. Frau Albrecht, die Lehrerin, meint, sie müsse sich erstmal erholen, das viele Blut und die Gewalt. Es gäbe Einiges aufzuarbeiten. Auch Katja Mickan, die Regisseurin, ist zufrieden. Und das Lachen der Schüler, nun, Theater sei halt etwas anderes, sagt sie.

Vor der Stadthalle steht eine Gruppe Jungen. Die Intensität habe sie beeindruckt. Es wäre etwas anderes gewesen, nicht nur immer Kino, Fernsehen oder Facebook. Und zu Deutsch hätten sie nicht gemusst.


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