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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 07:50 Uhr

Wismarbucht : Berufsfischerei droht das Aus

vom

Die Reihen der Fischkutter im Alten Hafen in Wismar lichten sich. Zum Jahresende gibt es nur noch drei Fischer in der Hansestadt. Lohnt es sich überhaupt noch, den Kutter seeklar zu machen?

svz.de von
erstellt am 17.Apr.2012 | 03:16 Uhr

Wismar | Das Eingangstor der kleinen Fischersiedlung am Alten Hafen ist längst vorweihnachtlich geschmückt, doch das Innere wirkt wie ausgestorben. "Da wird sich auch künftig nichts ändern, zumindest was die Präsenz der Berufsfischer anbetrifft", sagt Martin Saager (33) und reagiert etwas kühl auf die Situation. Gerade vom Fang zurück, freut er sich nach einem ausgesprochenen Mistwetter in der Wismarbucht auf den Feierabend. Der Tag begann für ihn noch vor 4 Uhr in der Frühe und jetzt ist es fast Nachmittag. Der Tageslohn diesmal: etwas Dorsch, einige Flundern und eine halbe Pütz voller Heringe. "Manchmal kommen da nicht mal die Treibstoffkosten wieder rein", erklärt er frustriert. Da denkt man schon darüber nach, ob es sich überhaupt lohnt, den Kutter seeklar zu machen. Denn die derzeitigen Rahmenbedingungen sprechen für sich: Spitzenpreise für Diesel und oftmals Ertragstiefpreise bei den Fängen. So wundert es nicht, dass zum Jahresende nur noch er und sein Kollege Stefan Kübart (45) übrig bleiben, die im Haupterwerb zu ihren Stellnetzen hinausfahren. Wenn es denn das Wetter erlaubt, auch diese Einschränkung gilt derzeit recht häufig.

Einen weiteren Haupterwerbsstatus besitzt Maik Seemann (40). Der hat inzwischen seinen kleinen Kutter "Emma" nach einer aufwändigen Überholung wieder flott gemacht. Allerdings sichert ihm sein bekannter "Backfisch"-Verkaufskutter seit Jahren eine gewisse Existenzsicherheit. Dennoch vertritt er die Meinung: "Kein junger Mensch in Wismar wird heute noch den Fischerberuf ergreifen." Folglich hält in Wismar nur noch ein Trio der derzeit jüngsten Berufsfischergeneration die Zunftfahne hoch, bis irgendwann überhaupt keiner mehr zum Fischen hinaus fährt. So wird sich bald das beliebte und buntlebendige Panorama am Ende des Alten Hafens verändern. Denn die beiden größten Kutter "Marlen" und "Seestern" liegen bald nicht mehr an der heimatlichen Pier. Schon seit Monaten waren sie nicht mehr im Einsatz. "Noch bis zum Juli fuhren wir gemeinsam hinaus, dann war Schluss", konstatiert Saager Junior nüchtern. Zuvor schipperte er mit seinem Vater Hubert, jahrelang auf dem einzigen, noch hochseetüchtigen Wismarer 17-Meter-Kutter zum Fang hinaus. Doch die "Marlen", die als einzige noch Schleppnetzfischerei betreibt, hat inzwischen einen neuen Besitzer. "Ein wirtschaftlicher Zwang stand für den Verkauf nicht im Vordergrund", heißt es ganz klar aus dem Hause Saager. Schon deshalb nicht, weil Hubert, der gestandene Berufsfischer jetzt die über Jahrzehnte verdiente Seemannsrente in Anspruch nehmen kann.
Doch dass die Rahmenbedingungen in der Fischerei bereits seit Jahren nicht mehr attraktiv sind, ist auch für ihn seit langem kein Geheimnis. Hinzu kommt, dass der körperlich harte Job nach mehr als 42 Dienstjahren gesundheitlich deutliche Spuren hinterlassen hat. Sohn Martin Saager will und kann die "Marlen" nicht weiter betreiben. Seine knapp acht Meter lange "Lina" muss es eben auch tun, um die Existenz seiner Familie zu sichern. Die Zukunftsängste werden jedoch grundsätzlich bleiben. Das sieht der Wismarer Stefan Kübart nicht anders. Ohne seine "WIS 008" gäbe es bei den Wismarer Heringstagen kaum einen so medienwirksamen Auftakt beim jährlich symbolischen Fischanlanden per Schiff. "Leider braucht es in diesem Beruf wirklich mehr als nur Enthusiasmus, denn die sich stetig verschlechternden Bedingungen machen es uns wirklich nicht leicht", so sein Fazit.

Die jetzige Entwicklung bezeichnet die Chefin der Fischereigenossenschaft Wismarbucht eG, Elvira Rothe, als sehr bedauerlich, komme aber für sie nicht überraschend: "Die jungen Fischer überlegen angesichts einer ungewissen Zukunft sehr genau, ob sie den Betrieb des Vaters oder Großvaters übernehmen." Bedauerlich sei allerdings, so Rothe weiter, dass auf diese Weise ein über Generationen überliefertes Wissen um dieses traditionsreiche Handwerk dann bald in Vergessenheit gerät.

Noch vor mehr als 20 Jahren gab es großes Gedränge an beiden Seiten der Wismarer Fischerpier. Manchmal lagen dort so viele Kutter im Hafen, dass sie sogar zu dritt nebeneinander im so genannten Päckchen festmachen mussten. Mehr als hundert Fischer standen damals gut in Lohn und Brot. Heute sind die Hafenbedingungen eigentlich viel besser. Die geschützten Liegeplätze verfügen über eine sanierte, moderne Pier. Hinzu kam eine kleine Fischersiedlung mit neu errichten Netzschuppen. Doch längst stimmen die Rahmenbedingungen nicht mehr. Den Fischern werden stetig neue Beschränkungen auferlegt. Das betrifft nicht nur die Fangquoten, strengere Behördenauflagen in Sachen Ausrüstung, sondern auch die stetige Beschneidung ihrer Fanggebiete in der Wismarbucht.

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