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Serie: Hier produziert, hier gekauft : Bequemlichkeit auf Naturmaterial

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Andreas Müller stellt Sitzmöbel aus Korb her – ein Handwerk, bei dem ihm sein Informatik-Studium hilft

In dem reetgedeckten Haus nahe dem Salzhaff gibt es deutlich mehr Sitzgelegenheiten als Bewohner. So viele, dass manche Sessel in der Werkstatt an der Decke hängen. Die meisten hat der Hausherr selbst gefertigt. Andreas Müller ist passionierter Korbflechter und hat sich auf Sitzmöbel spezialisiert, die er alle selbst entwirft.

Ein sehr analoges Handwerk, aber seine berufliche Vergangenheit spielt trotzdem mit hinein. Müller studierte in Leipzig Informationstechnik, war später im Fernmeldewerk an der Entwicklung der ersten digitalen Vermittlungszentrale beteiligt. Seit er – noch als Student – aus Interesse bei einem Korbflechter eine Art Praktikum machte, hat ihn das Handwerk nicht mehr losgelassen.

Neue Serie: Lieblingsprodukte gesucht

Fisch von Rügen, Würstchen von „Die Rostocker“, Fischspezialitäten aus Schwaan, Gemüse aus der Wittenburger Region, Sanddorn-Produkte aus Ludwigslust, Pommernwurst aus Pasewalk, Käse aus Dargun oder Büromöbel aus Schönberg: Unternehmen aus MV haben sich mit einer Reihe von Produkten einen Namen gemacht. Vor allem im eigenen Land werden Regionalprodukte nachgefragt.

In einer Serie stellen wir die Hersteller vor – mit Ihrer Hilfe, liebe Leser. Wenn Sie schon immer einmal über Zutaten, Bestandteile und die Macher ihrer Lieblingsprodukte aus der Region etwas wissen und lesen wollten, dann schreiben Sie uns – wir recherchieren für Sie.

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„Im Studium hatte ich so viel gelesen und geschrieben – da wollte ich gern mal etwas mit den Händen schaffen“, erinnert Müller sich. Kurz vor der Wende fanden seine Frau und er das reetgedeckte Haus in Boiensdorf und zogen von Sachsen an die Ostsee. Müller arbeitete an der Hochschule Wismar, doch seine Stelle wurde bald gestrichen.

„Ich wollte nicht noch einmal neu anfangen mit Informatik“, erzählt der 62-Jährige. „Also beschloss ich, mich zum Korbmacher ausbilden zu lassen.“ Die einzige Berufsschule lag im oberfränkischen Lichtenfels – er wurde sofort angenommen, obwohl er viel älter war als seine Mitschüler. „Am meisten liegt mir das Rattan-Biegen“, sagt der Korbflechter heute – und dann spielt seine digitale Vergangenheit wieder eine Rolle: „Da kann man am Computer sitzen und entwerfen.“ Das Material lässt sich nur in der Ebene biegen, man benötigt also Zeichnungen in drei Ansichten als Vorlage.

„In der Ausbildung mussten wir das noch per Hand erledigen. Inzwischen macht das der Computer fast von allein.“ So entstehen seine Sitzmöbel – erst am Rechner, dann in der Werkstatt. „Meine Frau sagt aber, ein Korbmacher muss auch Körbe flechten“, lacht Müller. „Deshalb stelle ich einmal im Jahr eine Woche lang Körbe her.“ Diese sowie seine Stühle und Sessel verkauft der Handwerker direkt aus seiner Werkstatt heraus oder über das Internet. Kunden können mit eigenen Gestaltungsideen für Sitzgelegenheiten zu ihm kommen, um zu sehen, ob sie sich verwirklichen lassen. Seit einiger Zeit entwickelt Müller auch Korbmöbel, die längere Zeit unter freiem Himmel bleiben können.

„Für das Gestell nutze ich Edelstahldraht, das Geflecht entsteht aus PVC. Eigenartigerweise fragt kaum jemand nach außentauglichen Korbstühlen. Dabei haben die Leute doch Gärten und Terrassen – stehen da nur Möbel aus Alu oder Eisen?“, fragt sich der Korbflechter. Natürliches Rattan verwittert über die Jahre, wird grau und brüchig, wenn es Wind und Regen ausgesetzt ist.

Sein Lieblingsmaterial gibt es inzwischen auch in einer modifizierten, wesentlich stabileren Art, es lässt sich aber trotzdem noch mit den Mitteln der kleinen Werkstatt verarbeiten. Dort steht ein Arbeitstisch mit einer speziellen Edelstahlplatte, die Müller nach seinen Vorstellungen hat anfertigen lassen. Darauf lassen sich die Rattanstäbe einspannen, wenn sie erwärmt werden. Denn nur so können sie in die nötige Form gebracht werden.

Nach dem althergebrachten Verfahren wird das Material mit einer offenen Flamme erhitzt. Müller jedoch hat eine eigene Methode entwickelt: Er benutzt eine elektrische Heißluftpistole, die sich wie ein großer Fön anhört. „70 Grad reichen für Rattan aus, um es biegen zu können“, weiß er. Die Sitzflächen werden später geflochten und angebaut.

>> Mehr zu den Möbeln aus Korb lesen Sie hier.


 

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erstellt am 19.Apr.2017 | 12:00 Uhr

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