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Mecklenburg-Vorpommern

20. Oktober 2017 | 23:54 Uhr

Neu Kaliß : Bemalter Wohlstandsmüll

vom
Aus der Onlineredaktion

Felipe Cusicanqui experimentiert im Projektraum Heiddorf mit der Natur. Er ist ein Meister aller Formen

svz.de von
erstellt am 04.Aug.2017 | 12:00 Uhr

Auf den ersten Blick ist da eine Lichtung. Die Sonne fällt durch dichtes Blattwerk, vorn teilt sich der Wald, die Sonne bescheint den Boden, der hell aussieht, von Licht und Schatten durchwirkt.

Auf manchem Bild des Malers Felipe Cusicanqui gesellt sich eine Figur, eine menschliche Gestalt in die Landschaft, in den Wald oder das Strauchwerk. Umso perfekter ist die Illusion, denn bei genauer Betrachtung bleibt nichts so, wie es auf den ersten Blick erschien.

Felipe Cusicanquis Bilder sind Materialarbeiten. Es ist das vorgefundene Material, das der Künstler bearbeitet, das den Bildern Struktur gibt und das Dargestellte bestimmt. Im Falle der riesigen Landschaft mit dem Titel „Tiergarten“ sind es herausgetrennte Buchseiten, die das Bild ausmachen. Tritt der Betrachter näher, sieht er statt der Landschaft einen Wust aus Blättern, bedruckte Seiten, die die vermeintliche Lichtung zum Text-Werk machen.

Felipe Cusicanqui (geboren 1977), der aus Chile stammt und mittlerweile in Berlin lebt, ist ein Meister aller Formen. Galerist Matthias Fuhrmann zeigte in der Galerie Born auf dem Darß unlängst eher kleinformatige Arbeiten des Künstlers. Hinreißende Blumenstillleben aus Pappkartons zum Beispiel.

Nun aber im „Projektraum Heiddorf“ in Neu Kaliß bei Ludwigslust läuft Cusicanqui zu großer Form durch großes Format auf. Vier wandfüllende Arbeiten sind zu sehen, flankiert von wenigen, ausgesuchten kleineren Werken.

Der Ausstellungsort verdient Erwähnung: Bislang nannte Galerist Fuhrmann sein Haus „Kunstraum Heiddorf“. Die Umbenennung in „Projektraum“ geht mit einer Änderung des Programms einher. Heiddorf wird künftig weniger der Ort der etablierten Galeriekünstler, sondern Tummelplatz der Neuzugänge.

Den Auftakt in diesem Jahr machte Michael Markwick, ein abstrakter Maler aus den USA. In Zukunft wird es auch veränderte Ausstellungsformate geben, etwa gewagte Installationen oder Gruppenausstellungen. Das Experimentelle an der aktuellen Schau mit Werken Cusicanquis besteht im Format der Bilder. Die Beschränkung im Wesentlichen auf vier Großformate ist ein Wagnis und lässt sich nur in einem Raum wie dem umgebauten Stallgebäude in Heiddorf mit seinen riesigen Wänden realisieren.

Das Experiment ist geglückt, denn die Arbeiten Cusicanquis beziehen ihren Reiz gerade aus der Differenz zwischen Fernblick und Nahaufnahme – und der daraus resultierenden Fallhöhe: Denn die launige Lichtung in beschaulicher Stimmung erweist sich als Ort, an dem Zivilisationsmüll geortet und künstlerisch verarbeitet wird: Die Bücher ebenso wie die in die Bilder integrierten Kleidungsstücke oder Stoffreste wurden von Unbekannten in der Botanik entsorgt. Sie machen den Tiergarten und andere von Menschen geschaffene Grünanlagen als Arrangements bar jeder Natürlichkeit kenntlich. Ohne dass Cusicanqui in Larmoyanz verfallen würde. Vielmehr dominiert der Humor bei der Verarbeitung von Fundstücken zu einer „natürlichen“ Optik. Cusicanqui schafft etwas Neues aus ihnen, lässt die Fundstücke aber in ihrer Erkennbarkeit im Bild bestehen. „Es ist der Trash, der herumliegt und sich in Schönheit verwandelt“, sagt der Maler, der sich künstlerisch gekonnt zwischen Illusion und Abstraktion bewegt, und der dem Betrachter in der letztlich abstrakten Collage die eigene Illusion vorführt.

Bis 29. Oktober, Projektraum Heiddorf, Ernst-Thälmann-Straße 6, 19294 Neu Kaliss, OT Heiddorf, www.galerie-born.de, Geöffnet Donnerstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr

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