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Betrugsprozess Schwerin : Belastende Sekretärin

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ex-Geschäftsführer muss sich wegen bandenmäßigen, schwerwiegenden Betrug verantworten.

von
erstellt am 03.Feb.2017 | 20:45 Uhr

Wohl selten „schwärzte“ eine Sekretärin ihren Chef derart an, wie es Anette B. (Name geändert) mit Jens H. vor dem Landgericht Schwerin getan hat. Er habe sie angewiesen, die Scheinaufträge und die Scheinrechnungen zu schreiben, mit denen er versucht haben soll, Geld für sein strauchelndes Firmengeflecht zu bekommen. Sie sei lange Zeit eine ahnungslose Berufsanfängerin gewesen, die froh war, nicht mehr arbeitslos zu sein. Erst spät habe sie mitbekommen, dass in den Unternehmen hier und da „nicht alles rund lief“. Aber selbst Jens H. habe wohl am Ende „den Überblick verloren“, vermutete sie.

In einem Dorf südwestlich von Wittenburg siedelte Jens H. vor rund 17 Jahren seine Computer-, Programmier- und Werbefirma an. Stolz präsentierte er sie als Aktiengesellschaft, fuhr Firmenwagen der gehobenen Klasse und genehmigte sich offenbar 6000 Euro als Geschäftsführergehalt. Als es wirtschaftlich bergab ging, gründete er hinter den Kulissen eine Scheinfirma, um Geldgeber übers Ohr zu hauen. Seit neun Monaten steht der 43-Jährige zusammen mit drei ehemaligen Geschäftspartnern im Alter zwischen 43 und 46 Jahren vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Quartett bandenmäßigen, schwerwiegenden Betrug vor. Rund 1,5 Millionen Euro sollen sie zwischen 2006 und 2009 ergaunert haben.

Mit der vielleicht einst ziemlich besten Freundschaft zwischen den vier Angeklagten ist es längst vorbei. Drei der Angeklagten wollen nicht als gleichberechtigte Bandenmitglieder eingestuft werden. Sie schieben die Hauptschuld Jens H. in die Schuhe. Sie selbst hätten vielleicht aus falsch verstandener Loyalität nur die eine oder andere Unterschrift geleistet, ohne zu wissen, was Jens H. im Schilde führte. Die Version wurde von Anette B. nun gestützt. Einer der Verteidiger sieht in ihr sogar eine Komplizin von Jens H., die nur nicht auf der Anklagebank sitze, weil die Staatsanwaltschaft „geschlampt“ habe und ihre mutmaßlich illegalen Handlangerdienste verjährt sind. Der Verteidiger spekulierte auch, dass Jens H.´s Firmen nie richtig verschuldet waren. Der Firmenchef habe möglicherweise ein hübsches Sümmchen beiseite geschafft.

Auch der Vorsitzende Richter und die Staatsanwaltschaft deuteten Zweifel an der Ahnungslosigkeit der Sekretärin an. Mal schrieb sie Scheinangebote für Computertechnik, die die Scheinfirma der Hauptfirma verkaufte, obwohl sie wissen konnte, dass die Scheinfirma keine Computer zu verkaufen hatte. Dann schrieb sie gleich die Scheinrechung und schob sie von der einen Seite ihres Schreibtisches auf die andere, wie der Vorsitzende Richter vermutete, da sie ja für beide Firmen zuständg war. Ein anderes Mal machte sie sich selbst Gedanken, wie das Loch in der Kasse durch Scheinrechnungen ausgeglichen werden könne. Auch hätte ihr wohl auffallen können, dass kein Mitarbeiter der einen Firma die andere für über 30 000 Euro beraten hat. Dennoch schrieb sie die Rechnung dafür.

Die Staatsanwaltschaft hätte wohl gegen Anette B. ermittelt, wenn sie von B.´s mutmaßlicher Verstrickung rechtzeitig gewusst hätte. Die wurde allerdings erst offenbar, als einer der Verteidiger während des Prozesses dem Gericht 9000 E-Mails aus dem Firmengeflecht übergab, die die Ermittler vor Jahren nicht gefunden hatten. Sie befanden sich auf einem Computer, der einem der Angeklagten gehörte.

Jens H. hat eingeräumt, dass er die Hauptschuld an den Betrügereien trägt. Die anderen Angeklagten, so betonte er, seien keineswegs „meine Marionetten“ gewesen. Mit dem Urteil ist nicht vor Frühjahr zu rechnen.

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