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Zwei Männer, ein Thema: Was das Spezialkinderheim gekonnt hat : Bekenntnisse eines "Schwererziehbaren"

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Ein Dankeschön an das Spezialkinderheim? Eine verdächtige Sache, wo doch die Heimerziehung einer der todsicheren Aufreger ist. Zwei Männer wollen ihre Sicht auf die Dinge schildern - auch wenn diese nicht angesagt ist.

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erstellt am 01.Okt.2012 | 09:53 Uhr

Plau am See | Ein Dankeschön an das Spezialkinderheim? Eine verdächtige Sache, wo doch die Heimerziehung gerade einer der todsicheren Aufreger ist landauf landab. Es geht um Unrecht, Gewalt, Demütigungen - in kirchlichen Häusern tief im Westen ebenso wie in Einrichtungen der ehemaligen DDR-Jugendhilfe. Seit Auflage eines Entschädigungsfonds werden vor allem Leidensgeschichten laut - was zwei Männer aus Plau am See (Landkreis Ludwigslust-Parchim) mächtig ärgert. Im Kleinstadtidyll am Plauer See gab es einst ein Spezialkinderheim für 80 Jungen mit angeschlossener Schule von Klasse 5 bis 8.

Die beiden Männer hatten damit zu tun und wollen ihre Sicht auf die Dinge schildern - auch wenn oder gerade weil diese Sicht nicht angesagt ist. Der eine fing Anfang der 1960er-Jahre als Erzieher an und blickt heute aus dem Ruhestand auf "43 Berufsjahre vor und nach der Wende" zurück. Er sagt: "Ich will nichts verniedlichen, natürlich kann man die Dinge so oder so sehen, aber die Einseitigkeit stört mich." Der andere - Torsten Renné, Jahrgang 1958 - war ein Heimkind. Mehrere Durchgangsheime, ein Kinderheim, zwei Spezialheime hat er kennengelernt. Er sagt: "Sie haben mich gerettet."

Torsten ist in Erfurt geboren und noch keine 10 Jahre alt, als sein Leben aus den Fugen gerät. Er findet seine Mutter tot in der Küche, sie hat sich das Leben genommen. Der Vater ist bei der Armee und selten zu Hause, seine neue Frau knapp 19. "Eine Stiefmutter, die gerade mal zehn Jahre älter war als ich, das ging nicht gut mit uns", sagt er. Er läuft von zu Hause weg, wird geschnappt, läuft wieder weg. Manchmal kommt er nicht weit, manchmal schlägt er sich mehrere Tage durch. Er stiehlt und schwänzt und schwindelt. Ein haltloses Kind, entschlossen, dem Kindsein um jeden Preis davonzurennen.

"In der dritten Klasse haben sie mir ins Zeugnis geschrieben: ,Wir können Torsten nicht beurteilen. Er war nur zwei Tage in der Schule.’" Einmal steigt er in einen Güterzug. Der fährt und fährt und steht schon fast in Sassnitz auf der Fähre, als der blinde Passagier bemerkt wird. Ein anderes Mal mischt er sich auf dem Bahnhof in eine Kindergruppe. "Irgendwie hatte ich mitgekriegt, dass denen einer fehlt", sagt er. "Als ein Name aufgerufen wurde und sich keiner gemeldet hat, hab ich einfach den Arm gehoben und dann immer so weiter." Drei Tage Ferienlager auf Rügen - die Freude über den geglückten Coup des Jungen ist noch dem Mann von heute anzusehen. Dann stellt der Lagerleiter die Frage: "Wer bist du?" Der Eindringling wird ins nächstgelegene Durchgangsheim gebracht.

Der erwachsene Torsten nennt sein jüngeres Ich einen "Schwererziehbaren", wohl wissend, dass dieser Begriff schon damals umstritten war. Damals - das ist ungefähr die Zeit, als der Erzieher in Plau am See anfängt. Sein Studium am Institut für Lehrerbildung Dömitz hat er beendet, an der Pädagogischen Fachschule im Schweriner Schloss macht er noch den Abschluss als Erzieher. Mit Anfang 20 geht "der Frischling" ins Heim - interessiert bis misstrauisch beäugt als der einzige Studierte, der prompt die "kalte und unpersönliche Atmosphäre im Haus" kritisiert. Die meisten seiner Kollegen wurden nach Maßstäben des Dritten Reiches geprägt. Sie sind Tischler und Müller, Handwerker, die sich auf der Abendschule zu Erziehern qualifizieren. Einer hat im Krieg gedient. "Ein Hardliner", sagt Torsten, "aber zu uns Kindern immer fair."

Er ist in der 5. Klasse, als ihn die Zentrale Heimeinweisungsstelle ins Spezialkinderheim schickt. Das Kinderheim zuvor hatte den Jungen nicht bändigen können. In Plau am See kommt Torsten in eine Gruppe mit 15 anderen Jungen, zugleich eine Klasse. Der Heimerzieher sagt: "Bei uns wurde ganz eng mit der Schule zusammengearbeitet. Viele Jungen hatten anfangs Vieren und Fünfen. Verbesserungen waren üblich." Er wehrt sich gegen das Klischee, in Spezialheimen wurden meist strafversetzte oder gescheiterte Pädagogen untergebracht. "Wir hatten sogar einen promovierten Fachlehrer."

Der Erzieher hat Prinzipien. "Wenn ein Neuer kam, habe ich seine Akte nicht gleich gelesen. Ich wollte mir selbst ein Bild machen", sagt er. Und: "Wir haben viel öfter mit Lob als mit Tadel gearbeitet." Nach einer Woche ohne Beanstandungen gab es eine Anerkennung, in der zweiten eine Belobigung, in der dritten ein Lob vor der Gruppe, in der vierten ein Lob vorm Heim. Nach einer Pause in Woche 5 folgte in der sechsten eine Auszeichnung mit kleiner Prämie und Information an die Eltern. Bei Verstößen gegen Ver- oder Gebote ging es vom Tadel über Rüge zur strengen Rüge. "Das Schlimmste war der Arrest", erklärt er. "Für Schüler ab 14, maximal drei Tage."

Auch Torsten blieb die Arrestzelle nicht erspart: "Da gehört ein Kind nicht rein. Natürlich nicht", urteilt er, betont aber zugleich: "Aus Gesprächen und Internetforen weiß ich, dass es körperliche oder psychische Züchtigungen gab. Ich habe selbst keine erlebt." In mehr als sechs Jahren Heimaufenthalt. Von Plau am See ging es für ihn nach Hohenleuben bei Gera, um die 9. und 10. Klasse zu absolvieren. "Dort waren wir acht Jungen und acht Mädchen in der Klasse." In Hohenleuben sind ihm Geschwister begegnet, deren Eltern einen Ausreiseantrag gestellt hatten. "Die waren auf jeden Fall ungerechtfertigterweise dort." Ansonsten vertritt er die Auffassung: "Ich hatte Klassenkameraden, denen ging es im Heim eindeutig besser. In 80 bis 90 Prozent der Fälle war das so." Vernachlässigte Kinder, Waisen, aus überforderten Elternhäusern oder Trinkerfamilien, darunter nicht wenige "aus der Schicht der Intelligenz".

Bis heute trifft sich die Klasse aus Hohenleuben alle fünf Jahre. In ihrem ehemaligen Heim betreibt nun das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands eine sozialpädagogische Einrichtung. "Die kommen gar nicht damit klar, wenn da welche sagen, es war früher gar nicht so schlecht hier." Für Torsten einmal mehr der Beweis, welche Haltung erwartet wird. "Mich stört, dass jetzt viele auf dieser Opferwelle reiten. Natürlich soll, wer Schaden genommen hat, eine Entschädigung erhalten, und Täter müssen bestraft werden. Doch muss geprüft werden, ob der Schaden wirklich durch das Heim entstanden ist, oder nicht schon vor der Heimeinweisung vorhanden war."

In seiner Abrechnung mit der Heimerziehung überwiegt das Positive: "Ich empfinde das System von Lob und Tadel als nicht verkehrt. Mir hat es beigebracht, Normen einzuhalten. Wenn ich etwas möchte, muss ich auch etwas dafür tun." Zwar hat es den Jungen gehörig genervt, dass er jeden Morgen zum Frühsport anzutreten hatte. "Natürlich kann man fragen, ob das Drill war: Aber wie soll man denn 16 eigensinnigen Jungen Normen beibringen? Das geht nicht ohne geregelten Tagesablauf, Antreten zum Abendessen, Duschzeiten, Schuhputzzeiten, Hausaufgabenzeiten."

Ärgerlich fand er die ultimative "Kollektiverziehung": 800 Mark Kleidergeld pro Nase und Jahr in der Gruppe ausgeben, nur der Erzieher bekam das Geld in die Hand. "Einer hat Mist gebaut, und für alle wurde Fußball gestrichen." Schon als Kind erschien ihm das ungerecht, und rückblickend bemängelt er, dass die Selbstständigkeit auf der Strecke blieb. "Ich hatte Angst vor dem Tag, an dem ich aus dem Heim kam", sagt er. "Da bin ich in den Selbstbedienungsladen gegangen und hab erstmal geguckt, wie die anderen das machen. Bei uns in Hohenleuben wurde ja nur übern Tresen verkauft." Unterm Strich jedoch steht Torstens Fazit: "Wenn das Referat Jugendhilfe nicht gewesen wäre, würde ich heute auf der Straße liegen. Und genau so, wenn ich heute der Junge von damals wäre. Heute schaffen die wenigsten gestrauchelten Kinder den Sprung in ein normales Leben."

Anfangs war es nur das Gefühl, im Heim besser aufgehoben zu sein als zu Hause. "Da gab es jahrelang kaum Kontakt." Dass es seine beste Chance war, das hat Torsten in der 8./9. Klasse richtig begriffen. "Die 10. habe ich dann mit Auszeichnung gemacht." Etliche Jahre später konnte er auch mit Vater und Stiefmutter seinen Frieden finden. Torsten hat vier Berufsabschlüsse, darunter einen als Erzieher. "Ich habe das Ganze also auch noch von der anderen Seite gesehen." Der Familie wegen sattelte er um. Gleich mit der Wende gründete er in Plau am See, wo sich der Thüringer von Anfang an wohl fühlte, ein Unternehmen. Er führt es bis heute erfolgreich und zählt im Städtchen zu den angesehenen Bürgern. "Eine Erfolgsgeschichte", betont sein Erzieher und Freund. "Und lange nicht die einzige: Von Torsten 10. Klasse sind heute 14 Ehemalige selbstständig und kommen gut zurecht." Er nimmt das als Lob für die Arbeit von Erziehern und Pädagogen.

Dabei will er dem heiklen Thema unzulässiger Züchtigungen nicht aus dem Weg gehen. "Wenn Vergehen bekannt wurden, wurden sie auch geahndet", sagt er und schildert ein Beispiel. Ein "leitender Pädagoge" fand ein Unterhemd unterm Fenster auf dem Rasen. Durch die Inventarnummer war klar, wem es gehörte. Ein Junge hatte es vermutlich rausgeworfen. Der Mann haute es ihm links und rechts um die Ohren. "Am nächsten Tag war er seine Funktion los."

43 Jahre Jugendhilfe, die meisten vor, die letzten nach der Wende - der Rentner ist stolz darauf. Allerdings: "Ich glaube, nochmal würde ich den Weg nicht gehen. Es war schon eine schwere Arbeit, ja auch eine Arbeit mit Widersprüchen." Sie im Nachhinein zu bewerten, setze voraus, danach zu fragen, was war und warum es so war. "Es geht mir darum, die Dinge einzuordnen. Ich würde gern bei der Aufarbeitung des Themas helfen", sagt er.

Ihm missfällt, wie bisweilen um Erziehung und die Verantwortung dafür gefeilscht wird. Eltern? Schule? Gesellschaft? Er sieht es so: "Erziehung ist eine Aufgabe für alle. Mich ärgert diese Weg-guck-Pädagogik. Wer bleibt dabei auf der Strecke? Die Kinder." Weggucken kommt für ihn nicht infrage: Im Schuhladen beobachtete er eine Gruppe Mädchen. Als ein Paar alte Bodden in den Schuhkarton und die Neuen aus dem Laden wandern sollten, schritt er ein mit der altmodischen Frage "Machen kleine Mädchen so etwas?". An der Bushaltestelle beobachtete er, wie ein großer Junge einem jüngeren eine Zigarette zusteckte, ging hin und fragte: "Weißt du, dass du dich damit strafbar machst?"

Eine Meinung zu vertreten, obwohl sie unbequem ist - Torsten Renné schreckt davor ebenfalls nicht zurück. Beim Heimkinder-Forum im Internet stieß er auf einen Mann, der unter Pseudonym heftig über seine Heimzeit in Plau am See und die Erzieher wetterte. "Durch gezielte Fragen habe ich rausgekriegt, wer er ist und dass er in meiner Gruppe war" sagt Torsten. Er gab sich dem anderen zu erkennen und schrieb ihm: "Deine Eltern waren Trinker und du musstest auf der Straße leben. Und im Heim bist du ganz sicher nicht geschlagen worden." Daraufhin brach die Verbindung ab. "Das sind Leute, die sich in jeden Wind drehen."

Der Ausreißer, Schwänzer und Langfinger, der die Kurve kriegte und zum Erzieher und Unternehmer wurde, stellt auch eine letzte provokante These in den Raum: "Wenn ich sehe, wie viele Kinder heute auf der Strecke bleiben, Alkohol, Drogen und Kriminalität verfallen, dann sind das sicher bedeutend mehr, als in DDR-Heimen untergebracht und mit heutigen Worten ,gebrochen’ wurden. Jede Medaille hat ihre zwei Seiten, die man aber auch gelten lassen muss."

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