Interview : Beim Schlaganfall-Verdacht zählt jede Minute

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Schweriner Neurologie-Chefarzt Prof. Dr. Frank Block: Je länger das Gehirn unversorgt bleibt, umso mehr Nervenzellen sterben unwiederbringlich ab

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19. März 2014, 12:21 Uhr

Jährlich ereignen sich in Deutschland rund 200 000 Schlaganfälle. Nach Herzinfarkten und Krebs ist der Schlaganfall hierzulande die dritthäufigste Todesursache – und er ist bei Erwachsenen die häufigste Ursache für eine bleibende Behinderung. Karin Koslik sprach mit Prof. Dr. med. Frank Block, Chefarzt der Klinik für Neurologie an den Schweriner Helios Kliniken, über das Krankheitsbild.
Herr Prof. Block, auf welche Symptome sollten Betroffene und Angehörige achten?
Block: Typische Symptome eines Schlaganfalls sind eine plötzliche Halbseitenlähmung oder halbseitige Taubheit. Sprechstörungen, also undeutliches Sprechen, oder Sprachstörungen – beispielsweise Wortfindungsstörungen, aber auch das Nichtverstehen bekannter Worte – sind ebenfalls Alarmsignale. Und auch plötzliche Seh- oder Schluckstörungen sind typisch. Wenn auch nur eines dieser Anzeichen schlagartig auftritt, sollte nicht gezögert und der Notruf 112 gewählt werden. Man sollte sich nicht dadurch in Sicherheit wiegen, dass das Ereignis schmerzfrei ist – das rührt daher, dass das Gehirn keinen Schmerz empfinden kann.
Was genau passiert bei einem Schlaganfall?
Ein Schlaganfall ist eine plötzliche Funktionsstörung des Gehirns. In vier von fünf Fällen ist er darauf zurückzuführen, dass sich ein zum Gehirn führendes Blutgefäß plötzlich verschließt. In selteneren Fällen kommt es durch das Einreißen eines Blutgefäßes zu einer Blutung in das Gehirn. Beide Ereignisse führen dazu, dass die Nervenzellen im Gehirn nicht genügend Sauerstoff und Nährstoffe bekommen und deshalb innerhalb kurzer Zeit absterben.
Immer wieder wird appelliert, beim Verdacht auf einen Schlaganfall sofort den Notarzt zu rufen. Warum ist das so wichtig?
Der Zeitfaktor ist ein ganz entscheidender, weil das Gehirn keine Energiespeicher hat. Deshalb muss es kontinuierlich durchblutet werden. Schon ab einer Stunde, in der das nicht gewährleistet ist, sterben Nervenzellen ab. Zwar gibt es im Gehirn mehr als 100 Milliarden Nervenzellen, die dort schon vor der Geburt angelegt sind – später aber können sich keine mehr neu bilden.
Wir leben in einem Flächenland, wo das nächste Krankenhaus nicht unbedingt um die Ecke liegt. Ist trotzdem gewährleistet, dass Schlaganfallpatienten rechtzeitig versorgt werden?
Ja – wenn unverzüglich nach Auftreten der ersten Symptome die 112 gewählt wird. Leider ist das aber noch nicht immer der Fall. Da werden erst die Kinder oder der Hausarzt angerufen – und so vergeht wertvolle Zeit.
Zur Diagnostik wird auch eine Computertomografie herangezogen. Was aber, wenn ein kleines Krankenhaus gar kein CT hat?
Diese Geräte gibt es inzwischen überall. Problematisch kann aber sein, dass kleine Häuser nicht rund um die Uhr Spezialisten vorhalten, die die Aufnahmen auch auswerten können. Unser Haus hat mit umliegenden Krankenhäusern, auf die das zutrifft, eine Teleradiologievereinbarung geschlossen. Das heißt, sie mailen uns die Aufnahmen und wir befunden dann telefonisch.
Wie sieht die Therapie eines Schlaganfalls aus?
Ist erwiesenermaßen ein Gefäßverschluss schuld, versuchen wir, ihn medikamentös aufzulösen – der Fachbegriff dafür ist Lysetherapie. Erfolgversprechend ist sie aber maximal in den ersten viereinhalb Stunden seit Auftreten der ersten Symptome. Ansonsten kommt nur noch die zweite Therapiemöglichkeit in Frage: die mechanische Entfernung des Blutgerinnsels. Sie ist allerdings nur in neuroradiologischen Kliniken möglich.
Ist eine Blutung Auslöser des Schlaganfalls, geht es vorrangig darum, sie zu stoppen und den Blutdruck zu normalisieren.
Wer ist besonders gefährdet, einen Schlaganfall zu erleiden?
Risikofaktoren sind hoher Blutdruck, hohe Blutfettwerte, Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen und bei Frauen auch die Einnahme der Pille. Wer sich vor einem Schlaganfall – auch einem wiederholten – schützen will, muss hier ansetzen.
Kann ein Schlaganfallpatient wieder vollständig gesund werden?
Ja, es gibt Patienten, die unsere Klinik nach fünf Tagen ohne Beeinträchtigung wieder verlassen können. Man muss ehrlicherweise aber auch sagen, dass jeder Zweite, der einen Schlaganfall überlebt, aufgrund der eingetretenen Schädigungen des Gehirns pflegebedürftig bleibt.

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