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Mecklenburg-Vorpommern

20. September 2017 | 11:20 Uhr

Schwerin : Beim Einkaufen die Welt verändern

vom

Beim konsumkritischen Stadtrundgang geht es um die Weltreise einer Jeans oder um Kriege für Handy-Rohstoffe. SVZ war bei einem Bummel dabei.

svz.de von
erstellt am 11.Nov.2011 | 07:40 Uhr

Schwerin | Sie stehen mit ihrem Einkaufswagen freundlich am Pfaffenteich - und frieren. Ein bisschen wirken sie wie die letzten aufrechten Weltretter, während sie in Wind und Dämmerung warten auf 15 angemeldete FSJ-ler, die gleich eine konsumkritische Stadtführung durch Schwerin erhalten sollen. Heute ist dieses Angebot der BUND-Jugend sogar öffentlich, doch nur eine Schwerinerin nimmt es wahr. "Unsere Saison ist an sich schon zu Ende", sagt Bildungsreferentin Kathleen Löpke von der BUND-Jugend MV bibbernd. "Außerdem ziehen wir mit öffentlichen Rundgängen ohnehin selten viele Leute. Unser Klientel sind vor allem Schulklassen und Jugendgruppen." Rund 20 Führungen pro Jahr kommen so doch in der Landeshauptstadt zusammen. Stadtrundgänge, die vielleicht nicht gleich das ganze Leben umkrempeln, aber zumindest das eigene Konsumverhaltens verändern können. Stadtrundgänge, nach denen man zumindest ein paar Stunden lang ein echt schlechtes Gewissen hat - und die Welt sofort verändern möchte. SVZ war bei einem konsumkritischen Bummel dabei.

Regenwald wird vernichtet, um Tierfutter anzubauen

Wer voller Genuss in seinen Hamburger beißt, der ahnt höchstwahrscheinlich nicht, dass für fleischliche Leckereien nicht nur Tiere ihr Leben lassen müssen, sondern auch Regenwald vernichtet wird und kleine Landbauern ihre Lebensgrundlage verlieren. "Rund 70 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen weltweit werden nur für die Futtermittel- und Biospritproduktion genutzt", sagt Kathleen Löpke. Unmengen Wasser, Düngemittel und Pestizide werden dabei verbraucht, gentechnisch veränderte Sojapflanzen angebaut, Saatgut-Giganten wie Monsanto machen ein Milliardengeschäft. "Aber diesen Punkt lassen wir heute aus", sagt Kathleen Löpke. Auf einer anderthalb stündigen Führungen ist nur Platz für einige der insgesamt zehn vorbereiteten Themen. Heute soll es um Schuhe, Jeans, Handys, Kaffee und Weltladen gehen.

Während wir immer noch auf die FSJ-ler warten, erzählt Kathleen Löpke mit Blick auf die Domuhr, womit sie und die anderen freiwilligen BUND-Helfer Schulklassen an diesem Ort sonst gerne beeindrucken: "Die Kinder sollen sich einen Stapel A4-Blätter vorstellen, der bis zur Domspitze hinauf reicht - so viel Papier verbraucht ein Deutscher bis zu seinem 23. Lebensjahr." Dann greift sie beherzt zu ihrem Handy - "Auch wir sind nur Menschen und natürlich kann man nicht auf alles verzichten!" - und klingelt die FSJ-ler an. Die warten leider an der falschen Stelle. Am Hauptbahnhof, der so genannten "Fleischstation" auf der BUND-Führung. Und richtig: Einige haben im dortigen Fast-Food-Restaurant noch schnell einen Hamburger verdrückt. Ohne Hintergrundinformation schmeckt er vielleicht auch besser.

Max Schwarz, 15 Jahre alt, Ecolea-Schüler und freiwilliger BUND-Stadtführer, verzichtet mittlerweile ganz auf Fleisch. Das sei für ihn nicht weiter schwer. "Kompliziert wird es eher bei Schuhen", findet er. "Was ökologisch unbedenklich ist, wird entweder in Schwerin nicht angeboten, ist sehr teuer - oder sieht einfach furchtbar aus." Beim Thema Schuhe geht es den Konsumkritikern übrigens nicht so sehr um Leder, Plastik oder Giftstoffe im Material als vielmehr um die extremen Preisspannen des Handels und die brutalen Niedriglöhne - der beträgt rund 0,4 Prozent des späteren Verkaufspreises - und die Arbeitsbedingungen der Näherinnen in Südostasien. "Die arbeiten dort auf Fabrikgeländen, die einem Hochsicherheitstrakt gleichen", erzählt Kathleen Löpke.

"Einfach nicht jede Mode sofort mitmachen"

Jasmin Steuck, die gerade ihr Freiwilliges Soziales Jahr beim BUND absolviert, beginnt ihren Stadtführungsteil mit dem Satz: "Wenn alle Menschen auf der Welt so leben würden wie wir, bräuchten wir drei Erden." Dann erzählt sie von 1200 Werbebotschaften, die jeder von uns täglich empfängt, berichtet davon, dass Kinder heute zu 50 Prozent das Einkaufsverhalten ihrer Eltern beeinflussen, dass wir 80 Prozent aller Marken, die wir in unserer Kindheit kennen lernen, auch als Erwachsene noch benutzen. Dann zieht der Tross vor das Schaufenster eines Handy-Anbieters und die Teilnehmer dürfen selbst vorlesen, z.B. Nachrichten über den Goldabbau in Lima: Für 0,034 Gramm Gold - so viel braucht es für ein Handy - werden 100 Kilo Abraum erzeugt, der mit giftiger Zyanidlösung verunreinigt wird. Der Rohstoff Coltan - ebenfalls wichtiger Bestandteil von Handys und Laptops - war ein Grund für den blutigen Krieg im Kongo, der fünf Millionen Menschen das Leben kostete. In Indien wird ein großer Teil des Elektroschrotts der reichen Industrieländer zum Teil auf offener Straße demontiert - Blei, Zink, Cadmium, Nickel und sogar Dioxin gelangen ungebremst und ungefiltert in die Umwelt. 30 verschiedene Metalle und 1500 Einzelteile benötigt der Hersteller für ein Handy - eine Milliarde von ihnen wird jährlich weltweit verkauft, 30 Millionen Handys werden in Deutschland jedes Jahr weggeworfen. Tipp des BUND: nicht jede Mode mitmachen und die alten Geräte in den Shops abgeben, damit sie ordnungsgemäß recycelt werden können.

Auch für einen bewussteren Umgang mit Jeans werben die konsumkritischen jungen Leute direkt vor einem Geschäft in der Schmiedestraße mit viel Erfolg. "Von der Pflanze bis ins deutsche Regal legt der Baumwollstoff oft 40 000 Kilometer zurück", berichtet Max. Von den Anbaugebieten in Kasachstan, Indien oder Kamerun zum Fadenspinnen nach China, Färben in Taiwan, Stoffspinnen in Polen, Nähen auf den Philippinen, Endverarbeitung in Griechenland oder der Türkei, Verkauf in Deutschland. Wer auf einen kürzeren Weg seiner Jeans und auf möglichst wenig Verarbeitungs-Gifte achten möchte, der kann besondere Marken kaufen, bei denen er z.B. auch die Stoff-Route nachvollziehen kann.

Bald kommt der BUND auch direkt ins Klassenzimmer

Und was mache ich, wenn meine Hose kaputt oder nicht mehr angesagt ist? Ab in den Altkleidercontainer? Auch das ist nicht so unproblematisch, sagt Kathleen Löpke. Meist würden unsere getragenen Sachen auf afrikanischen Märkten für einen Kleinstbetrag verkauft - auf den ersten Blick eine perfekte Weiterverwertung, die aber leider die lokalen Textilproduzenten kaputtmacht, die zu solch geringen Preisen keine Kleidung herstellen können. "Im Internet gibt es viele Anleitungen, was man aus seiner alten Jeans machen kann", sagt Max. Seine Zuhörer nicken, diskutieren, lassen die Fakten sacken und denken schon mal laut über neue Verhaltensstrategien nach. Die Seniorin, die den Zug begleitet hat, ist beeindruckt von der Methodik: Mitdenken statt erhobener Zeigefinger. Jeder soll für sich selbst herausfinden, wie er auf diese globalen Verstrickungen künftig reagieren möchte. "Konsumenten haben nämlich mehr Macht als sie oft glauben", betont Löpke.

Wer sich selbst zum konsumkritischen Stadtführer ausbilden lassen möchte, kann das am 26. und 27. November in Neubrandenburg. Anmeldungen nimmt die BUND-Jugend entgegen unter Telefon 0385-52 13 39 16 oder Mail: info@bundjugend-mv.de. Dort kann man auch Führungen buchen. "Im Winter wollen wir mit unserem Projekt "Weltbewusst" in die Schulen gehen", sagt Kathleen Löpke. "Für die Stadtbummel wird es jetzt einfach zu kalt."

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