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Prozess gegen ehemaligen KZ-Sanitäter : Beihilfe zum Mord in mindestens 3681 Fällen?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Am Montag beginnt in Neubrandenburg der Prozess gegen einen ehemaligen Auschwitz-Sanitäter. Selbst der US-Sender CNN will berichten.

svz.de von
erstellt am 26.Feb.2016 | 21:00 Uhr

Vor dem Landgericht Neubrandenburg soll am Montag der Prozess gegen einen 95 Jahre alten ehemaligen SS-Mann aus dem KZ Auschwitz wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 3681 Fällen beginnen. Am ersten Prozesstag sind zwei Gutachter geladen, die zum Gesundheitszustand des Beschuldigten gehört werden, wie ein Gerichtssprecher sagte. Davon hänge die gesamte Prozessplanung der Schwurgerichtskammer ab. Die umfangreiche Anklage soll am 14. März verlesen werden.

Der frühere SS-Sanitäter soll 1943/44 zweimal mehrere Wochen im KZ Auschwitz-Birkenau gearbeitet haben. Für den ersten Einsatz wurde er bereits 1946 in Polen verurteilt. Nun steht er für seine Tätigkeit von Mitte August bis Mitte September 1944 vor Gericht. In der Zeit seien dort 3681 Menschen in Zügen angekommen und umgebracht worden.

Die seit zwei Jahren laufenden Ermittlungen gegen den Mann aus einem Dorf bei Neubrandenburg hatten für überregionale Aufmerksamkeit gesorgt. Die Kammer hatte ein Verfahren gegen den Rentner 2015 aus gesundheitlichen Gründen zunächst abgelehnt. Das Oberlandesgericht hatte die Verhandlung anhand eines neuen Gesundheitsgutachtens dann aber angeordnet. Ähnliche Verfahren gegen ehemalige SS-Angehörige liefen am Landgericht Lüneburg (Niedersachsen) oder laufen in Detmold (Nordrhein-Westfalen), Hanau (Hessen) und Kiel (Schleswig-Holstein).

Der Angeklagte soll vom 15. August bis zum 14. September 1944 im SS-Sanitätsdienst in Auschwitz-Birkenau gearbeitet haben. Dort habe er SS-Angehörige betreut, erklärte sein Anwalt Peter-Michael Diestel.

In der Zeit sind laut Staatsanwaltschaft in dem Lager 3681 Menschen vergast worden. Die Anklage orientiert sich an 14 Deportationszüge, die aus Polen, Slowenien, Griechenland und Deutschland gekommen und in der Zeit das KZ erreicht haben sollen. In einem Zug aus Westerbork (Niederlande) habe sich auch Anne Frank und ihre Familie befunden.

Verteidiger Diestel bestreitet eine Schuld seines Mandanten.

Das öffentliche Interesse an dem Prozess sei groß, sagte Gerichtssprecher Carl Christian Deutsch. So hätten sich rund 50 Medienvertreter angemeldet, darunter auch der US-Sender CNN. Es wurde extra ein Gerichtssaal umgebaut und von 50 auf 100 Plätze erweitert.

Das Internationale Auschwitz-Komitee hat vom Landgericht mehr Aufmerksamkeit für die Überlebenden des NS-Konzentrationslagers gefordert. „Auschwitz-Prozesse sind für Deutschland und die Deutschen keine Bedrohung, sondern immer eine Chance“, sagte Christoph Heubner als Exekutiv-Vizepräsident des Auschwitz-Komitees. Das hätten die Erfahrungen aus Prozessen in Lüneburg und Detmold mehr als deutlich werden lassen. Das Gericht habe nicht nur eine Sorgfaltspflicht gegenüber dem Beschuldigten, sondern auch gegenüber möglichen Zeugen. Heubner will den Prozess auch verfolgen. 

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