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autoren mit down-syndrom : Bei „Ohrenkuss“ kommt es auf die Botschaft an

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Unkonventionell und erfolgreich: Autoren mit Down-Syndrom schreiben für das preisgekrönte Magazin

Bei der Zeitschrift „Ohrenkuss“ dürfen Grammatik und Rechtschreibung krumm und schief sein. Auf den Inhalt und die Botschaft kommt es an. Das Magazin ist das einzige in Deutschland, das ausschließlich von Autoren mit Down-Syndrom gemacht wird. Das Bestechende: Alle Texte in dem preisgekrönten Blatt sind authentisch, werden von Helfern ohne Down-Syndrom bewusst nicht korrigiert. Ein Redaktionsbesuch in Bonn zeigt: Ein kreatives Team ist am Werk – engagiert, humorvoll, auch sensibel, verletzlich.

Gerade ist die neueste „Ohrenkuss“-Ausgabe geschafft. Thema: Insel. „Gefangen/alleine sein/ich schreibe Tagebuch/denke vor mich hin/Trauminsel“, textet eine Autorin. „Ich Hausmeister Haus auf der Insel. Insel ist gut. Insel ist König, Chef, Kumpel, Mann. Königin ist Frau“, hat ein Kollege verfasst. Das Hochglanz-Heft – renommierte Fotografen sind mit im Boot – gibt es schon seit gut 15 Jahren, alle sechs Monate neu.

Bevor es an die nächste Ausgabe geht, stellt Erfinderin und Chefredakteurin Katja de Braganca grundsätzliche Fragen an die Mannschaft. Warum weiterhin schreiben für den „Ohrenkuss“, noch zusätzlich zum Job? Die Konferenzen finden alle zwei Wochen statt.

Achim Priester, ältester Kollege im Team, sagt zu seinen Ambitionen: „Dass meine ganzen Märchen und das, was ich sonst so schreibe, in die Presse kommt, damit das mal in Büchern gedruckt wird.“ Er verfasst auch Gedichte und Fabeln. Daniel Rauers meint ganz schlicht: „Ich bin da, weil ich schreiben kann.“

Etwa 20 feste Redakteure arbeiten für das Magazin. In der Freizeit wird recherchiert, getextet, man geht auch gemeinsam auf Exkursion. Die Autoren tippen, schreiben von Hand oder schicken besprochene Bänder. Bei den Redaktionssitzungen diktieren die meisten den Assistenzkräften ihre Zeilen. Weitere 40 Autoren liefern aus entfernteren Teilen Deutschlands oder auch aus dem Ausland zu.

Der Biologin de Braganca erhielt für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz, der „Ohrenkuss“ viele Auszeichnungen wie den Jugendkulturpreis NRW, den Deutschen PR-Preis oder einen Förderpreis des Bundestags. Der Titel fand sich so: „Da rein, da raus – und was im Gehirn bleibt, das ist Ohrenkuss“, meinte ein Autor – und alle waren sofort begeistert.

Jedes Heft hat ein spezielles Thema – Liebe, Mode, Luxus, Schönheit, Wunder, Reisen oder Sport. Ernstes wie Heiteres. So ist in einem Beitrag zu lesen: „Afghanistan: Das Problem ist groß. Mörder ist. (...) Krieg: wäre besser, wenn Ende ist. Ich dagegen.“ Schmunzelnd stößt der Leser auch auf Entlarvendes, etwa über Männer: „Mann zu sein ist nicht einfach. Denn sie wollen immer den Boss oder den Chef zeigen und über sinnlose Sachen zu diskutieren und müssen immer Recht haben aber das wollen sie ja nicht zugeben und geraden öfters außer Kontrolle über sich selber.“ Erfrischend frech.

 

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