Premiere in Schwerin : Befinden zwischen Einst und Jetzt

Szene mit Antje Trautmann, Jochen Fahr, Hannah Ehrlichmann (v.l.n.r.)
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Szene mit Antje Trautmann, Jochen Fahr, Hannah Ehrlichmann (v.l.n.r.)

Der Roman „Vor dem Fest“ von Saša Staniši als Schauspiel in Schwerin uraufgeführt

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25. September 2017, 12:00 Uhr

Es ist das Leben im Abseits und auch das ist das wahre. Phantastisch beschrieben von Saša Staniši in seinem Roman „Vor dem Fest“. Wo einer denkt: „Es ist schön bei uns, aber nicht so schön wie woanders.“ Episoden, in denen Tragik und Komik sich mischen in Mythen und Geschichten, die alle Zeiten überdauern. Wo auch ein Fuchs beseelt sein kann. In der Nacht vor dem Fest, wenn die Geister los sind. Im Dasein und den Erinnerungen skurriler Leute. Mit Satzbrocken, wie zwischen Büddenwarder und Fürstenfelde üblich: „Hol ich die Tage“. „Geht’s? Muss ja!“ Lakonische Poesie der Nichtpoeten. Mit pointierter Sprache, Feinsinn und Hintersinn, mit magischem Realismus untersucht Staniši Befinden im Ost-Dorf zwischen Historie und Jetzt.

Natürlich lässt sich der Roman nicht wörtlich nachspielen. Nur ihm nachspüren kann das Theater. Lebendig kommt er nahe in der Bühnenfassung von Nina Steinhilber und Martin Nimz, einer immer noch massiven Essenz, bei der Uraufführung am Mecklenburgischen Staatstheater. Nüchternheit und Erregung, Erdverbundenheit und Guck-in-die Luft-Gefühl, Trotz und Depression in einer buntgewürfelten Kommune. Das Banale wie das Nachdenkliche, Exotische und Groteske verstricken sich.

In der Regie von Martin Nimz nimmt das Erzählte wunderlich Gestalt an. Dabei kommt ans Licht, was die Keramikerin Reiff sinnbildlich an einem Raku-Gefäß ausweist: die „Brüche und Einschnitte in den Biografien“. Bei Alteingesessenen wie Zugezogenen. Beim ehemaligen NVA-Oberst, bei der jungen Frau, die fortwill, ihre Jugend gern woanders verbracht hätte, beim Ex-Briefträger mit Stasi-Verdacht, bei der Dorfchronistin, beim gewaltbereiten Trinker, der in der DDR als Unruhestifter galt, beim Schweinezüchter, der von Alaska träumt, sogar beim jungen Burschen, dem stummen Suzi, der spricht. Aber hier scheint ja im Video auch der Mond, wenn‘s donnert.

Das vielfarbige Wortgemälde von Stanišić wird vielfarbiges Spiel. Die Phantasie pulsiert nun körperlich in realen wie absurden Situationen. In einer rustikalen Ortscollage von Sebastian Hannak, die Niedergang signalisiert und mit Witz das Irre, wenn eine Landmaschine aus dem See geangelt wird, die auch als Keller im Heimathaus dient.

Es beginnt auf einem Sturzacker, wo Jutta Kreischer die Einwohner mit Fellmänteln sonderbar kostümiert hat. Als Sonderlinge werden sie sich erweisen. Dabei sind die Darsteller Spieler und Erzähler zugleich, in einem Ensemble, in dem es rumort und sprüht, wenn auf tristem Boden Vergangenheit und Wünsche Flügel bekommen. Sinnierend bei Andreas Anke als Züchter und Briefträger. Heftig bei Martin Brauer als Kumpel Imboden, der sich alten Versagens schämt. Frisch bei Hannah Ehrlichmann als karitative Anna. Märchenhaft Jennifer Sabels Fähe. Mit Gespür für Nuancen schreitet Jochen Fahr als einstiger Befehlshaber den Bogen zwischen Resignation, Wut, Galgenhumor, Suizidgefahr aus. Spitze Nummer mit Katrin Heinrich als Frau vom Partnerservice. Fahr trifft Ton und Rhythmus der Romansprache. Was nicht bei allen Figuren gelingt; auch fehlt oft Sprechqualität.

Anne Steffens, die Malerin, kreuzt mehrfach als Sängerin die Szene, wohlgestimmt mit klassischen Liedern, sensibel von Friedemann Braun am Klavier begleitet. Auftakt wie Ende mit Mahlers „Ich bin der Welt abhandengekommen.“ Komik, Ironie, Melancholie, die Regie hat assoziatives Klima geschaffen. Der Autor strahlte. Was wollte das Dorf denn feiern? Sich selbst! Das Publikum machte mit.

Manfred Zelt





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