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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 04:20 Uhr

Verkaufsflächen MV : Bauwahn trotz Leerstand

vom

Mehr Platz als in Hamburg und Berlin: Die Verkaufsfläche in MV wächst und wächst. Trotzdem ziehen Investoren immer neue Einkaufsmärkte hoch.

svz.de von
erstellt am 28.Feb.2017 | 11:45 Uhr

Die Angebote sind reichlich: 1700 Quadratmeter Verkaufsfläche im Schweriner Stadtteil Mueßer Holz oder 1476 Quadratmeter Verkaufsfläche im Rostocker Hanse-Kontor Glatter Aal – Immobilienportale weisen jede Menge zur Vermietung stehende  Einkaufsflächen in MV aus. In Bad Doberan sind mehr als 1000 Quadratmeter zu haben, in Güstrow warten 3000 Quadratmeter auf neue Mieter – wachsender Leerstand in den Einkaufsmärkten.

Der Druck dürfte noch größer  werden: Spätestens die Debatte um ein neues Einkaufszentrum in Schwerin, ein erstes Factory Outlet-Centrum im westmecklenburgischen Wittenburg und die Mitte März geplante Eröffnung eines Fabrikverkaufszentrums mit neun Geschäften in Broderstorf vor der Stadtgrenze von Rostock, lassen die Furcht der Innenstadthändler in MV vor zusätzlicher Konkurrenz wachsen.

Die Projekte sorgen für Kopfschütteln: Während in MV über Sinn oder Unsinn von Fabrikverkaufszentren debattiert wird, sollen vor der Stadtgrenze von Rostock im ersten Outlet-Center in MV Mitte März schon die Ladentüren öffnen, auf 3000 Quadratmetern im alten Heros-Center. Bestandsschutz: Während die Landesplanung neue große Verkaufsflächen nur noch in Oberzentren, aber nicht mehr auf der grünen Wiese zulässt, sichern geltende Bauplanungen  in Broderstorf einen Fabrikverkauf auch außerhalb des Oberzentrums ab. In Schwerin wirbt indes  Investor und Ex-SPD-Landtagsabgeordneter Rainer Beckmann für ein neues Fachmarktzentrum „Schwerino“,  ohne dass offenbar klar ist, wer in den neuen Tempel einziehen werde. Stattdessen erhöht Beckmann den Druck auf die Stadt, über ein Outlet-Center im „Schwerino“ nachzudenken.

Zehntausende Quadratmeter Leerstand im Land, und trotzdem kommen neue Flächen dazu:  Handel lebe vom Wettbewerb, meint Kay-Uwe Teetz, Landeschef des Handelsverbandes Nord in Rostock.  Ob neue Verkaufsflächen tatsächlich gebraucht würden, sei eine andere Frage: „Nein“, ist sich Teetz sicher: „Doch das klärt der Markt allein.“ Bis dahin werde aber auch in MV die Verkaufsfläche weiter wachsen  – nicht mehr so stark wie in den vergangenen Jahren, aber stetig. 

Wohl kein anderer Wirtschaftszweig hat sich seit der Wende in MV derartig explosionsartig entwickelt wie der Einzelhandel. Die Verkaufsfläche in MV betrug schon Anfang der 2000er-Jahre etwa  2,63 Millionen Quadratmeter. Damit stand jedem Einwohner fünfmal so viel Fläche zum Einkaufen zur Verfügung wie noch 1990, ermittelte das Land seinerzeit.  Bis 2014 hatten Investoren im kaufkraftschwachen MV gemessen je 1000 Einwohner mehr Verkaufsfläche in die Landschaft geklotzt als in Thüringen, Hessen, Berlin und Hamburg, analysierte das EHI Retail Institute in Köln. Ein Ende ist nicht in Sicht: Allein im Lebensmitteleinzelhandel wird Prognosen zufolge die Verkaufsfläche in MV von 500 Quadratmeter je 1000 Einwohnern im Jahr 2000  auf 567 Quadratmeter im Jahr 2025 wachsen, ermittelte das Statistik-Portal Statista.

Ein bundesweiter Trend: 2015 war die Verkaufsfläche nach Angaben des Handelsverbandes auf einen neuen Höchststand gestiegen – auf 123,7 Millionen Quadratmeter bundesweit, noch einmal 14,7 Millionen Quadratmeter mehr als im Jahr 2000. Gebaut wird, was das Zeug hält: Allein in den vergangenen acht Jahren nahm die Zahl der Einkaufszentren in Deutschland um 77 zu – bundesweit warten 476 Shoppingcenter auf Kunden, so der Handelsverband.

Inzwischen rächt sich aber in den neuen Ländern für die Händler in den Innenstädten der Bauwahn der ersten Jahre nach der Wende.  So nahm allein zwischen 1990 und dem Jahr 2000 der Anteil des Großflächenanteils (mehr als 700 Quadratmeter Verkaufsfläche) von fünf auf 61 Prozent zu. Die versprochenen blühenden Landschaften des Alt-Kanzlers Kohl, ein Online-Geschäft, das noch keines war: „Die Branche sei von anderen Voraussetzungen ausgegangen“, meint Verbandschef Teetz: „Die Entwicklung war nicht absehbar.“

Boom in den Städten, Aderlass in der Provinz: Vor allem in den Dörfern ist der Handel zum Auslaufmodell geworden.  Benachteiligte Kleinstädte, periphere ländliche Regionen werden überproportional verlieren, so  eine Analyse  der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Bundesweit wird jedes zehnte Geschäft schließen, prognostizierte der Handelsverband 2016.  Für die Kunden zerfällt die Einkaufslandschaft in zwei Welten. In den Mittel- und Oberzentren in MV, in denen sich der Handel konzentrieren wird, und die Grundzentren, in denen noch die Grundversorgung abgesichert ist, meint Teetz. So bekommen Großstädter fast alle Sortimente vor der Haustür. Wer in der Kleinstadt wohnt, muss sich dagegen auf den Weg machen – oder online einkaufen. Weitere Investruinen werden kaum zu verhindern sein: „An einigen Standorten müssen wir  über  intelligente  Schrumpfungsstrategien nachdenken“, mahnte HDE-Hauptgeschäftsführer  Stefan Genth kürzlich. Dabei haben es die Kommunen in der Hand: Sie sollten den Mut haben, Planungen in Bebauungsgebieten auch mal wieder zu verändern  – und zu neuen Projekten „auch mal nein zu sagen“, forderte Verbandschef Teetz.

Fabrikverkaufszentren in Deutschland

Schnäppchen-Tempel der Marken-Hersteller

Niedersachsen hat gleich drei in Soltau, Stuhr und Wolfsburg, Nordrhein-Westfalen zwei in Bad Münstereifel und Ochtrup, Brandenburg eins, das B5-Center in Wustermark, Schleswig-Holstein eins in Neumünster: Investoren  haben Deutschland mit einem Netz von Factory-Outlet-Centern überzogen. Inzwischen buhlen bundesweit  15 Fabrikverkaufszentren auf 206 000 Quadratmetern Verkaufsfläche um die Gunst der Kunden – das größte im baden-württembergischen Metzingen mit 30 000 Quadratmetern.

Erst Mitte 2014 eröffnete das  „City-Outlet Bad Münstereifel“ als deutschlandweit erstes City-Outlet. Es umfasst  30 bis 35 Outlets verschiedener Marken in der historischen Altstadt. Und auch Ostdeutschland zieht nach: Im April 2016 wurde mit dem Fashion Outlet Halle/Leipzig in Brehna das erste FOC in den neuen Bundesländern – mit Ausnahme des im Speckgürtel von Berlin gelegenen DOC Berlin – eröffnet. Auf 10 000 Quadratmetern werden in 53 Shops 60 Marken angeboten.

Es sollen mehr werden: Textilien, Schuhe, Sportwaren, zweite Wahl oder Überschuss-chargen von Markenherstellern, Produkte der zweiten Wahl, Ware mit kleinen Fehlern – Outlets versprechen Marken-Ware zu günstigen Preisen. Die Jagd nach dem Schnäppchen hat in Deutschland dazu geführt, dass fast jeder Marken-Hersteller einen Fabrikverkauf betreibt.  20  bis 30 Prozent Nachlass auf Einzelhandelspreise seien dort keine Seltenheit, heißt es.

Das zieht an, hoffen Investoren und stellen sich ans Reißbrett.  Das Netz der  Outlets soll in Deutschland in den kommenden Jahren noch enger werden. 17 weitere Centren sind geplant, ermittelten die GMA-Marktforscher im vergangenen Jahr –  zwei in Ostdeutschland in Wittenburg in MV und in Hermsdorf in Thüringen.  15 weitere sollen in den alten Ländern entstehen, allein drei im bevölkerungsreichsten Bundesland  Nordrhein-Westfalen. 

 

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