Klassenfahrten : Bautzen statt Brüssel?

Über den Vorschlag eines Ost-West-Schüleraustauschs von Thüringens Bildungsminister Helmut Holter gibt es eine rege Diskussion. Wir fragten Schüler in Ost und West.

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19. Januar 2018, 11:57 Uhr

„Wir leben doch in einem  Land“, sagen die Neuntklässler aus Itzehoe.
Ruff

„Wir leben doch in einem  Land“, sagen die Neuntklässler aus Itzehoe.

 

Das sagen Neuntklässler aus Itzehoe in Schleswig-Holstein:

Lieber nach Bayern als in den Osten

Zögernd hebt ein Junge seinen Finger. Dann folgt der nächste. Und auch einige Mädchen melden sich. Am Ende ist es fast die Hälfte der Schüler aus dem Deutschkurs A des neunten Jahrgangs der Wolfgang-Borchert-Gemeinschaftsschule in Itzehoe, die den Plan des Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz, Helmut Holter, gutfinden. Der hat vorgeschlagen, dass es mehr Schüleraustauschprogramme zwischen Ost- und Westdeutschland geben sollte – vor allem, damit die Jugendlichen mehr über die Geschichte in der alten Bundesrepublik und der DDR lernen. Dass sie nicht viel über den Osten wissen, das geben die 27 Schüler in Itzehoe unumwunden zu. Ein paar Mal sei das Thema im Geschichtsunterricht gewesen, sagt der 15-jährige Lennart mit sonorer Stimme. Doch vom  Alltag im Osten habe er kaum eine Ahnung. Dass Itzehoe mit Malchin in Mecklenburg-Vorpommern schon seit Jahrzehnten eine Partnerstadt hat, weiß keiner der Schüler – und es zieht auch niemanden dort hin. „Ich weiß nicht, warum man diese Städtepartnerschaften braucht, das ist doch komplett unnötig“, sagt Lennart, der wie ein paar andere noch nie in Ostdeutschland war.

Dass sie sich mit Jugendlichen aus dem Osten austauschen, halten dagegen viele für sinnvoll. „Es kann nicht schaden, auch mal ein anderes Schulsystem kennenzulernen“, sagt der 15-jährige Till, der in der Klasse ganz hinten sitzt. Man solle keinen zwingen, aber als Ergänzung zu Schüleraustauschprogrammen nach England, Frankreich oder ins Baltikum, wie sie die Schule plant, sei das doch gut. Wenn sie Austauschschüler aus dem Osten bekämen, würden die meisten Itzehoer ihnen die Stadt, die Küste, Hamburg  oder das Meer zeigen. 

Ein paar der Schüler kennen Menschen, die aus dem Osten stammen. Der 14-jährige Luca hat Bekannte in Dresden. „Wieso sollen die anders sein als wir? Die sind ganz normal.“ Allenfalls die Sprache sei etwas gewöhnungsbedürftig, ansonsten könne er keine kulturellen Unterschiede feststellen. Die Spaltung zwischen Ost und West – das ist für ihn wie die anderen Jugendlichen kein Thema. „Das ist doch ein Land“, sagt Luca.

Für Lennart ist der Gegensatz zwischen Schleswig-Holstein und Bayern größer als etwa der zwischen Itzehoe und Dresden. „Wenn ich an Bayern denke, denke ich immer ans Oktoberfest und dass die da viel Bier trinken“, sagt die 14-jährige Louisa. Und Lennart ergänzt: „Bei uns trinken sie eben mehr Korn.“  Am Ende stimmen die Jugendlichen darüber ab, wohin sie lieber einen Schüleraustausch machen würden – nach Bayern oder nach Ostdeutschland. Die Finger gehen hoch – für den Süden: Alle bis auf zwei würden lieber nach  Bayern fahren.

 Kay Müller

Ein Vorschlag aus  einer  anderen  Welt: Die Zehnaer Neuntklässler  unterscheiden nicht nach Ost und West.
Volker Bohlmann

Ein Vorschlag aus  einer  anderen  Welt: Die Zehnaer Neuntklässler  unterscheiden nicht nach Ost und West.

So  denkt  die 9. Klasse der Regionalen Schule Zehna in MV:

Bremerhaven statt  Barcelona

Zwar müssen sie noch  bis 2019 die Schulbank  drücken, doch wohin ihre  Abschlussfahrt sie führt, steht für die 9. Klasse der Regionalen Schule Zehna im Landkreis  Rostock schon fest: in die  Nähe  von Bremerhaven. Mit der Forderung des  Thüringer  Bildungsministers Helmut Holter, den Schüleraustausch zwischen alten und neuen  Bundesländern zu intensivieren,  hat das nichts  zu  tun. Ihr Reiseziel  steht schon länger fest.

Ursprünglich hatte sich die Klasse Köln als Ziel ausgeguckt, erzählt Matthias. Auch München wäre cool gewesen, oder Hamburg, notfalls auch Bremen. Hauptsache eine richtige Großstadt. Nur keine im Osten, da kenne man ja schon alles. Doch die  Klassenlehrerin holte ihre Schützlinge schnell auf den Boden der Realität zurück: Solche Reisen könnte längst nicht jeder aus der Klasse bezahlen. Eine Auslandsreise war aus  diesem Grund von vornherein verworfen  worden. „Bei manchen aus  der Klasse zahlt sowas ja das  Amt  aus  dem  Bildungsdingsda,  dem Teilhabepaket“, weiß Laszlo.

Der Holter-Vorschlag kommt für die  jungen Leute aus einer  anderen Welt. Ost und West, das sind für die 14- und 15-Jährigen keine Kategorien mehr. „Wir  sind doch alle Deutsche“ , sagt  zum Beispiel  Pia.  Die 15-Jährige weiß  aber  auch, dass  das  in  der Generation der Eltern anders  gesehen  wird. „Ältere sprechen  noch von Wessis und finden viele  von  ihnen  arrogant.“ Pia selbst findet  das nicht. In Reimershagen, wo sie zu Hause  ist, machen Menschen aus allen Teilen Deutschlands  Urlaub – mit denen verstehe sie sich prima.  Und wenn die Urlauber sich  darüber  beklagten, dass  es kein  vernünftiges Internet gibt, hätten sie doch  Recht. Ein Thema übrigens, dass die Zehnaer Neuntklässler sehr viel mehr als  ein  Ost-West-Austausch interessiert.

Auch  Schulleiter  Karsten Hill  kann über den Holter-Vorschlag nur mit dem Kopf schütteln. „Herr Holter muss doch endlich akzeptieren, dass wir ein Land  sind. Mit  seinem Vorschlag reißt er nur wieder  Gräben auf“, meint  er.

Für viele seiner  Schüler ist der von dem Linken-Politiker vorgeschlagene Austausch ohnehin ganz  selbstverständlich. Einige haben wie Annouk, Tim  oder Pia Verwandte, die jenseits der Elbe wohnen und die sie regelmäßig besuchen. Andere haben sich auf Reisen mit der Familie  ganz  bewusst westdeutsche  Städte  angeschaut – „Köln zum Beispiel  ist einfach eine schöne  Stadt“, sagt Hendrik.

Tim, dessen Schwester mit  ihrem Freund in Wolfsburg  wohnt, weiß  aber auch, dass es doch Unterschiede innerhalb Deutschlands gibt:  „Im Westen verdient  man mehr  Geld – aber  dafür  sind  dort  auch  die  Häuser teurer.“ Laszlo  erzählt, dass  seine  Oma  jeden Tag  von Schwerin aus nach Hamburg zur Arbeit pendelt, weil sie dort mehr verdient. Trotzdem  finden es  die  Neuntklässler nicht ungerecht, dass jemand hier für dieselbe  Arbeit weniger Geld  bekommt: Schließlich müsse man hier ja auch weniger fürs Leben bezahlen.

 Karin Koslik

Helmut Holter
Ulrich Perrey

Helmut Holter

Gräben schließen sich nicht durch Nichtstun

Helmut Holter, KMK-Präsident und Thüringens Bildungsminister, plädiert für Ost-West-Klassenfahrten

Herr Holter, glauben Sie tatsächlich, das Thema Ost-West spielt  noch eine Rolle?

Holter: Es gibt Unterschiede zwischen Ost und West, die offensichtlich sind: Das Lohnniveau, das Rentenniveau, die Bevölkerungsdichte, das Angebot an Kindergartenplätzen, der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund und einiges mehr. Und es gibt Vorbehalte, die teilweise nicht nur erhalten geblieben, sondern neu entstanden sind. Leider sehen wir, beispielsweise in den Debatten in sozialen Netzwerken, dass diese Vorbehalte auch an die nachwachsenden Generationen weitergegeben werden.

Hat dann nicht Schule versagt, wenn die aktuelle  Geschichte nicht in die Köpfe  dringt?

Nein, gar nicht. Schule befindet sich in einem ständigen Entwicklungsprozess. Lehrerinnen und Lehrer hinterfragen ihre Methoden regelmäßig. Es ist wichtig, dass Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit zum Lernen an authentischen Orten und durch Begegnungen haben. Der Unterricht im Klassenraum ist wichtig und soll natürlich nicht in Frage gestellt werden. Aber gerade im Bereich der Demokratiebildung sind Projekte oder Klassenfahrten, das sogenannte Lernen am anderen Ort, wichtige pädagogische Mittel.

Reißen Sie mit Ihrer Forderung die Gräben nicht eher auf, als dass Sie sie zuschütten?

Leider gibt es nach wie vor Vorbehalte. Diese Probleme anzusprechen, halte ich für notwendig, um sie zu lösen. Dass die Gräben sich durch Nichtstun schließen, scheint mir nicht sehr wahrscheinlich zu sein.

Welche Reaktionen haben Sie erhalten?

Zunächst war ich selbst überrascht, wie groß der öffentliche Widerhall auf meinen Vorschlag war. Es gab viel Zustimmung, auch Kritik, aber vor allem – was mich am meisten gefreut hat – viel differenzierte Debatte dazwischen.

Interview: Max-Stefan Koslik

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