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Nach Tragödie in Ludwigslust : Baum-Unglück wirft Fragen auf

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Stadt Ludwigslust hatte Kastanien und Linden begutachten lassen / Sachverständiger: 100-prozentige Sicherheit nicht möglich

von
erstellt am 15.Apr.2014 | 20:00 Uhr

Im Fall des von einer umstürzenden Kastanie erschlagenen Ludwigslusters (SVZ berichtete) hat die Polizei ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet. Das teilte Polizeisprecher Klaus Wiechmann gestern mit. Die Staatsanwaltschaft werde ein Gutachten zu den sichergestellten Wurzelproben in Auftrag geben.

Nach dem tragischen Geschehen von Montag stellen sich mehrere Fragen, unter anderem jene nach dem Baumgutachten. Ein Gutachter hatte die bis zu 80 Jahre alten Kastanien und Linden in der betreffenden Straße im März vergangenen Jahres untersucht und war zu dem Ergebnis gekommen, dass von der gesamten Allee acht Bäume wegen umfangreicher Schäden abgenommen werden müssen. Deren Fällung sei vom Landkreis Ludwigslust-Parchim auch genehmigt worden, so Sprecher Andreas Bonin. Dass die Stadt – wie von Bürgermeister Reinhard Mach erklärt – gern alle Bäume in der Straße abgenommen hätte, sei beim Landkreis gar nicht bekannt gewesen.

Wie Reinhard Mach gestern bestätigte, wurde die jetzt umgestürzte Kastanie vor wenigen Wochen nochmals von einem Gutachter untersucht. Es habe Hinweise auf einen Hohlraum im Kronenbereich gegeben. Der Gutachter sei zu dem Ergebnis gekommen, dass die Sache bezüglich der Bruchsicherheit unproblematisch sei.

Auch wenn der Baum jetzt nicht gebrochen, sondern umgestürzt ist, stellt sich für viele Menschen die Frage, welche Sicherheit Gutachten bieten können. „Eine 100-prozentige Sicherheit kann niemand gewährleisten“, stellte Gernot Hübner, öffentlich bestellter und vereidigter Gehölzsachverständiger aus der Nähe von Greifswald, im SVZ-Gespräch klar. „Ein Baum ist ein Lebewesen und unterliegt ständigen Veränderungen.“

So könne ein bis dahin gesunder Baum innerhalb eines Monats seine Standfestigkeit verlieren, wenn er vom aggressiven, holzzersetzenden Brandkrustenpilz befallen wird. Die Kontrolle der verkehrssicherungspflichtigen Gehölze, etwa an Straßen, Wegen, Spielplätzen oder Parks, muss allerdings nur alle zwölf Monate erfolgen. „Sie muss in einem schriftlichen Protokoll dokumentiert werden, in dem auch die Frist zu stehen hat, in der etwaige Mängel abzustellen sind“, so Gernot Hübner, der für das Kommunale Studieninstitut MV Lehrgänge zur Baumkontrolle für Verwaltungsmitarbeiter leitet. „Eine gehölzkundige Fachkraft weiß, wie Auffälligkeiten zu deuten und ob sie sicherheitsrelevant sind“, so der Sachverständige. „Nicht alles, was komisch aussieht, ist Symptom einer Erkrankung.“

Während ein Kontrolleur für seine Sichtprüfung am Boden bleibt, steigt der Gutachter mit technischen Hilfsmitteln auch in die Krone. Wurzeln freizulegen oder den Stamm anzubohren, gehöre nicht zu den Standard-Methoden des Sachverständigen und sind auch nicht vorgeschrieben. „In der Regel zeigt ein kranker Baum genügend Symptome nach außen“, so Hübner. Die müsse ein Gutachter erkennen. Aber es komme eben auch vor, dass Schädigungen nicht erkennbar sind.

Diese Auffassung unterstützt auch der Bundesgerichtshof (BGH) in einem aktuellen Urteil, das im März 2014 verkündet wurde. „Andererseits ist die Erkrankung oder Vermorschung eines Baums von außen nicht immer erkennbar“, heißt es in der Begründung dazu. „Das gebietet aber nicht die Entfernung aller Bäume aus der Nähe von Straßen oder öffentlichen Parkplätzen oder eine besonders gründliche Untersuchung jedes einzelnen Baumes (…) es ist unmöglich, den Verkehr völlig risikolos zu gestalten.“


 

 

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