Alte Instrumente als Neubau : Bauerntanz und Knochenflöte

Der Ethnologe Ralf Gehler schnitzt am Nachbau einer Geige des späten Mittelalters, einer sogenannten Rebec.   Fotos: Jens Büttner
1 von 3
Der Ethnologe Ralf Gehler schnitzt am Nachbau einer Geige des späten Mittelalters, einer sogenannten Rebec.

Ethnologe und Musiker baut und erforscht historische Fideln, Geigen und Banjos

svz.de von
23. Juli 2015, 12:00 Uhr

Füße und Hände hält er nie still, weder beim Reden noch beim Musizieren. Beinahe schmerzhaft schneiden sich die schrillen Töne ins Ohr, wenn Ralf Gehler am Schweriner See die Fidel streicht. Voriges Jahr gründete der 51-jährige Ethnologe im Volkskundemuseum Schwerin-Mueß ein Zentrum für Traditionelle Musik. In einem zur Experimentier-Werkstatt umgerüsteten ehemaligen Armenkaten baut er historische Fideln, Flöten, Geigen und Banjos nach. Damit spielt er auch zum Tanzen auf. Jung und Alt lassen sich vom wilden Folk mitreißen und bringen bei Quadrillen, Polka, Walzer, Mazurka den Bretterboden eines alten Bauernhauses zum Beben.

Seit diesem Sommer wirbeln alle zwei Monate Jung und Alt über die Diele eines Museumshauses. Anfang September steigt zum dritten Mal das „Windros-Festival“, bei dem Künstler aus Europa und Übersee drei Tage lang Folk erklingen lassen. „Traditionelle Musik ist nichts Altes oder Biederes, man kann sie ganz modern aufbereiten und so wiederverwenden“, meint Gehler.

Bundesweit gewinnt Volksmusik langsam wieder an Bedeutung. Im Verband für Lied, Folk und Weltmusik in Deutschland „Profolk“ sind rund 300 Musiker, Organisationen und Bands vereint, die traditionelle Musik spielen, wie der Internetseite zu entnehmen ist. Was in Irland, Schottland oder Schweden etabliert ist, sei in Deutschland verschüttet und werde häufig nur als etwas Museales betrachtet. Die Gründe lägen in der Geschichte: Seit Mitte des 17. Jahrhunderts zogen privilegierte Stadtmusikanten über die Dörfer und verdrängten die Fiedler.

„Wir greifen heute die Schritte der alten Bauerntänze auf und entwickeln sie weiter, damit traditionelle Musik wieder lebendig wird für die Tanzenden selbst und nicht nur auf einer Bühne“, erklärt Gehler, der auch zweiter Vorsitzender des Profolk-Verbandes ist. Die alten Instrumente seien etwas ganz Besonderes. Ihnen könnten extrem hohe, schrille Klänge entlockt werden, welche moderne Geigen und Flöten nicht schafften und die im heutigen Hörverständnis oft ziemlich schräg klingen. „Das ist Musik für den Tanzboden, die auch dann noch ins Ohr geht, wenn die Diele dröhnt vom Stampfen fester Schuhe.“ Die Basis bilde die alte Technik des Instrumentenbaus. Ein Banjo etwa komme anders als moderne Gitarren ohne Bundstäbe aus. „Beim Spiel rutschen die Finger blitzschnell über die Saiten, Slides werden möglich. Nasale Töne, die recht durchdringend sind, entstehen durch eine entsprechende Korpusgröße.“

Dutzende Instrumente baute der Schweriner Volkskundler schon nach. Vorbilder seien archäologische Funde wie Reste von uralten Fideln oder eine 500 Jahre alte Knochenflöte, die Wissenschaftler im Wismarer Hafen fanden. Aus Schafsknochen schnitzte Gehler jetzt eine Seefahrer-Flöte nach - und war beim Ausprobieren überrascht ob des unvergleichlich silbernen Klanges. Auch Fideln, Banjos, Rebecs - birnenförmige Geigen des späten Mittelalters - fertigte der Musiker nach historischen Gemälden und Museumsexponaten neu.

Er versuche herauszubekommen, was die Instrumente leisteten, welche Klänge sie hervorbrachten. „Ein Nachbau birgt spannende Entdeckungen musikalischerseits.“ Die so entstehenden Lieder folgten im Stile häufig den Notenhandschriften des 18. und 19. Jahrhunderts, den seltenen historischen Quellen. Volksmusik sei meist nur mündlich überliefert worden, sagt Gehler. Dafür aber waren früher die Hits der Tanz-Combos oft über Jahrzehnte populär.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen