Landwirtschaft in MV : Bauern vor nächster Milchkrise?

Will künftig noch mehr Milch seiner Kühe direkt vermarkten: Bauer Peter Guhl
Will künftig noch mehr Milch seiner Kühe direkt vermarkten: Bauer Peter Guhl

Die Molkereien senken die Auszahlungspreise deutlich. Die Landwirte in MV fordern einen Systemwechsel auf dem Milchmarkt.

svz.de von
03. Februar 2018, 05:00 Uhr

Miese Stimmung im Kuhstall: Nur ein Jahr nach der bislang schlimmsten Milchkrise geraten die Landwirte in MV erneut in Not. Erst im Januar hatte Deutschlands größter Verarbeiter, das Deutsche Milchkontor (DMK), die Milchpreise um fünf Cent gesenkt – von 40 auf 35 Cent je Liter Milch. Jetzt gebe es Hinweise, dass auch im Februar weniger gezahlt werden solle. Wie es gestern hieß, will DMK weitere vier Cent je Liter streichen. „Neun Cent in wenigen Wochen, das geht gar nicht“, kritisierte Peter Guhl, Landwirt vom Hof Weitenfeld nahe Boizenburg und Vorstandschef des MilchBoards, einem Zusammenschluss von 13 000 Milcherzeugern, gestern die Preisstrategie der Verarbeiter: „Die Löcher der letzten Krise sind noch nicht gestopft, da stehen wir vor der nächsten.“ In den letzten Monaten waren die Milchpreise in MV nach Rekordtiefständen 2016 von weniger als 20 Cent je Liter zwar wieder gestiegen. Jetzt würden sie aber erneut unter die Milchkosten von 40 Cent je Liter sinken. Guhl: „Wir verbrennen wieder jede Menge Geld.“

Düstere Aussichten: Das Deutsche Milchkontor mit vier Standorten in Mecklenburg-Vorpommern in Altentreptow, Dargun, Waren und Bergen auf Rügen, setzt mit der Billigpreisstrategie Markttrends. Ein Fünftel der deutschen Milchmenge stehe beim DMK unter Vertrag. Es sei zu erwarten, dass auch andere Molkereien die Preise senken werden, befürchtete Guhl: „Eine große Katastrophe, und keiner will es gewesen sein.“ Inzwischen kündigte der Milchindustrie-Verband (MIV) für das erste Quartal 2018 sinkende Preise an. Auch die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) in Bonn rechnet damit: Solange die Anlieferungsmenge steige und die Nachfrage nicht mitwächst, müsse mit Preissenkungen gerechnet werden, meinte AMI-Analyst Andreas Gorn gestern.

Betrieb am Melkstand: In Zeiten höherer Milchgelder hätten die Bauern erneut mehr produziert als der Markt vertrage. Im Januar habe die Milchmenge um sechs Prozent über dem Vorjahreszeitraum gelegen, kritisierte Guhl. Die Menge drücke jetzt auf den Markt. Einem AMI-Bericht zufolge lag die Rohstoffanlieferung Mitte Januar bereits so hoch wie zur Milchspitze 2017. „Das derzeitige Preisniveau ist für die Milchproduktion sehr attraktiv und hat in vielen EU-Ländern die Erzeugung von Milch befördert“, hatte MIV-Vorsitzender Peter Stahl, kürzlich erklärt.

Ein hausgemachtes Problem: In der Branche fehle es an neuen Marktregeln, meinte Guhl. Notwendig sei eine vertragsgebundene Milchproduktion. Bislang werde aber 70 Prozent der Milch in genossenschaftlichen Molkereien verarbeitet – mit Annahmepflicht des Verarbeiters und Anlieferungspflicht des Erzeugers. Notwendig seien aber neue Regeln, die Verträge über Menge und Preise verpflichtend machten. Damit könne bedarfsgerecht produziert werden, meinte Guhl: „Wir müssen das System auf dem Kopf stellen.“ Entsprechende Regelungen hätten die Agrarminister der Länder zwar beschlossen. Beim Bund sei die Umsetzung aber bislang nicht erkennbar.
 

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