Ende der Milchquote : Bauern ohne Bremse

Will künftig noch mehr Milch seiner Kühe direkt vermarkten: Bauer Peter Guhl
Will künftig noch mehr Milch seiner Kühe direkt vermarkten: Bauer Peter Guhl

Ab April können Milchviehhalter ihre Kühe melken so viel sie wollen / Betriebe fürchten neue Milchseen und sinkende Preise

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27. März 2015, 07:48 Uhr

Die Elbauen gelten seit jeher als ideale Viehweiden. Mehr als hundert Jahre schon produziert eine Mecklenburger Bauernfamilie in Vorderhagen bei Boizenburg Milch und Rindfleisch. Inhaber Peter Guhl (49) vom „Hof Weitenfeld“ geht seit 20 Jahren einen besonderen Weg: Er verarbeitet einen Teil seiner Milch in der eigenen Molkerei. Naturbelassene Vorzugsmilch, pasteurisierte Trinkmilch, Butter, Joghurt, Quark liefert er direkt zum Kunden. So hält er von der Viehzucht bis zum Verkauf alles in eigenen Händen – eine Rarität in Ostdeutschland.

Den Wegfall der Jahrzehnte alten EU-Milchquote von April an sieht der Milchmann mit gemischten Gefühlen: „Die Handbremse wird gelöst, wir können nun produzieren, was wir wollen.“ Für eine sichere Marktstellung hat sich der Familienbetrieb der 2012 gegründeten regionalen Milcherzeugergemeinschaft Nordpool MeG angeschlossen. Diese verkauft im Jahr 70 Millionen Kilogramm Rohmilch von 32 Landwirten aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt.

In Deutschland werde die Produktionsmenge mit dem Wegfall der Milchquote erheblich steigen, prophezeit Guhl. Überproduktionen gebe es bereits seit Ende 2014, die Preise fielen auf 28 Cent je Kilogramm. Der im vorigen Wirtschaftsjahr 2013/14 auf durchschnittlich 39 Cent stabilisierte Milcherzeugerpreis werde nun ins Bodenlose abstürzen.

Mit erheblichen Preiseinbrüchen rechnen auch die großen Erzeuger. Zu diesen Milchgiganten gehört die Agrarproduktgesellschaft Lübesse bei Schwerin. Nach Investitionen in mehr Milchvieh liefert der Betrieb jetzt mit 1000 Kühen knapp zehn Millionen Kilogramm Milch im Jahr an die Deutsche Milchkontor GmbH, den größten Molkereikonzern der Bundesrepublik, sagt Geschäftsführer Gerd Göldnitz. Bereits jetzt fahre er bei der Milcherzeugung Verluste ein. Diese könnten allenfalls mit anderen Bereichen seines breit aufgestellten, 2200 Hektar großen Unternehmens ausgeglichen werden, etwa mit Gewinnen aus der Biogasanlage oder der Hähnchenmast.

Angesichts des Wegfalls der Milchquote sei ihm dennoch nicht bange. Er vertraue auf einen wachsenden internationalen Markt. In den nächsten Jahren werde weltweit die Nachfrage nach Milch steigen und das Angebot weit übertreffen.

Milchbauer Guhl hat indes für seinen kleinen Familienbetrieb, in den seit 1991 mindestens 3,5 Millionen Euro Investitionen flossen, die Notbremse gezogen. Bereits geplante Erweiterungen in neue Stallplätze und mehr Kühe wurden angesichts des unkalkulierbaren Marktes auf Eis gelegt. Derzeit bewirtschafte die Familie mit 15 externen Beschäftigten 550 Hektar Grün- und Ackerland, halte 420 Rinder, davon 190 Milchkühe, und erzeuge pro Jahr 1,4 Millionen Kilogramm Milch.

Statt künftig mehr Milch zu produzieren, so wie es viele Bauern anstrebten, setze er auf eine intensivere Direktvermarktung, verrät Guhl. Derzeit liefere er rund 400 000 Kilogramm Milch und Milchprodukte an 2000 Kunden in der Region bis an die Haustüren. Knapp ein Drittel der Lieferungen entfalle auf die naturbelassene, nicht pasteurisierte Vorzugsmilch, die laut Branchenverband von nur noch 40 Betrieben bundesweit vertrieben wird.

Mehr aus seiner Milch zu machen und Energie in die eigene Vermarktung zu stecken, anstatt sich weiter vom globalen Milchmarkt und dem Preisdiktat der Molkereikonzerne abhängig zu machen, das ist Guhls Antwort auf das Auslaufen der EU-Quote. Ohnehin sei bislang die Milchquote als Produktionsbremse nur halbherzig genutzt worden, findet er.

Die ganz großen „Milchseen“ und „Butterberge“ seien in der Vergangenheit zwar verhindert worden. „Doch die Quote hat nicht preisstabilisierend gewirkt, weil sie schlicht zu hoch angesetzt war“, erklärt Bauer Guhl. Der Familienhofbesitzer rät Landwirten, sich zu starken Milcherzeugergemeinschaften zusammenzuschließen. Ausgestattet mit größerer Marktmacht könnten diese die Preise für ihre gebündelten Milchmengen mit den Molkereien auf Augenhöhe aushandeln und bereits vor Lieferung festklopfen.  

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