Ostseetourismus : Bangen und Hoffen an der Küste

Ein Aussichtsfernrohr steht fest installiert an der Ostsee.

Ein Aussichtsfernrohr steht fest installiert an der Ostsee.

Sehr düster – so beschreiben Tourismusexperten im Norden die aktuelle Lage. Was die Sommersaison bringt, ist noch ungewiss.

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14. Mai 2020, 19:00 Uhr

Das Ostergeschäft ist total ins Wasser gefallen. Pfingsten verheißt nach den beschlossenen Lockerungen nun zumindest einen ersten Aufbruch – auf den entscheidenden Sommer blickt die Tourismusbranche in der Corona-Krise mit einem Mix aus Bangen und Hoffen. An Nord- und Ostsee gilt das besonders, denn die Abhängigkeit von Urlaubern ist enorm.

Keine einheitlichen Vorgaben

Im Ranking der deutschen Urlauberziele liegt Mecklenburg-Vorpommern bei längeren Reisen auf Platz 1, Schleswig-Holstein nach Bayern auf 3 und Niedersachsen auf 4. Hotspots wie Rügen, Usedom und Darß, Sylt, Amrum und Lübecker Bucht, Norderney, Borkum und Wangerooge stehen hoch im Kurs. Doch wie viele Urlauber dürfen im Sommer überhaupt jeweils kommen? Einheitliche Vorgaben gibt es bisher nicht.

Bei Reisen von mindestens fünf Tagen hatten in Deutschland die drei Küstenländer laut Kieler Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) zuletzt einen Anteil von fast 50 Prozent. Von 18,7 Millionen Inlandsreisen von Urlaubern ab 14 Jahren führten im vergangenen Jahr 19 Prozent nach MV, 16 Prozent nach SH, 13 Prozent nach Niedersachsen. Von 175,5 Millionen Übernachtungen entfielen 37,8 Millionen auf MV, 32,6 Millionen auf SH und 21,6 Millionen auf Niedersachsen.

Die Gäste fehlen

Die Zahlen machen deutlich, wie schmerzhaft die in der Corona-Krise verhängten Reiseverbote an Nord- und Ostsee sind. Dem Nordosten fehlten die Gäste aus Berlin und Sachsen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen ganz besonders die Urlauber aus Nordrhein-Westfalen.

Teils ist von Umsatzverlusten von bis zu 100 Prozent die Rede. Die Ungeduld wächst, aber die Angst vor einem Rückschlag im Falle eines Infektionsschubs ist allgegenwärtig. Hoffnung machen immerhin die vielen Buchungen für Pfingsten und den Sommer.

Die Branche sehnt die Öffnungen herbei, doch überfüllte Strände kann sich in diesem Jahr auch niemand vorstellen. Wo sollen die nach Strand und Meer lechzenden Urlauber nur hin, wenn Mittelmeer und Karibik als Ziele wegfallen sollten? Zugangsbegrenzungen zu Stränden sind absehbar, aber problematisch – auch für Einheimische.

Mecklenburg-Vorpommern: Der Nordosten öffnet sich zum 25. Mai für Übernachtungsgäste aus den anderen Bundesländern, eine Woche früher für einheimische Urlauber. Die Betriebe dürfen ihre Betten nur zu 60 Prozent belegen. Details zur Umsetzung lägen noch nicht vor, sagt der Geschäftsführer des Landestourismusverbandes, Tobias Woitendorf. Die Branche warte auf die Verordnung. Die Lockerungen bedeuteten für Ostseeküste und Mecklenburgische Seenplatte Licht am Ende des Tunnels. „Wir bewegen uns bei den Verlusten durch das Coronavirus bereits jetzt im Milliardenbereich“, sagte Woitendorf. „Das wird nicht mehr aufzufangen sein“, meinte er im Blick auf den weiteren Saisonverlauf.

Woitendorf erwartet trotzdem, dass die meisten Betriebe die Situation meistern werden – sofern das Infektionsgeschehen keine Rückschläge bringt. .

Schleswig-Holstein: Laut NIT-Institut trägt der Tourismus im Land zwischen den Meeren acht Prozent zur Bruttowertschöpfung bei. 180 000 direkt und indirekt in der Branche Beschäftigte bedeuten einen Anteil von 13 Prozent an allen Erwerbstätigen.

Dem Corona-Stillstand folgt an diesem Montag die große Öffnung: Hotels – ohne Wellnessbereiche – und Gaststätten dürfen aufmachen, Touristen einreisen, Inseln und Halligen werden wieder zugänglich. Auch diverse Sport- und Freizeitaktivitäten werden erlaubt. Sylt und andere Nordsee-Inseln äußerten die Bitte, noch keine Tagestouristen zuzulassen.

„Es sieht sehr düster aus für die Branche“, sagte vor den Lockerungen Dehoga-Hauptgeschäftsführer Stefan Scholtis. Erst die nächsten Wochen würden zeigen, wie viele Betriebe den Stillstand überleben. Bisher hält sich die Befürchtung, bis zu 30 Prozent der 5000 Hotel- und Gaststättenbetriebe könnten „sterben“. Die Branche fordert weitere Lockerungen, zum Beispiel für größere Familienfeiern.

Niedersachsen: Ferienwohnungen dürfen seit dieser Woche wieder an Urlaubsgäste vermietet werden, aber nur alle sieben Tage an neue, und auch Campingplätze können mit Einschränkungen öffnen. Gleich am Montag setzten Hunderte auf die Ostfriesischen Inseln über – ein Lichtblick für die sieben Inseln, die fast komplett vom Tourismus abhängen. Die Touristikgesellschaft geht von einer guten Auslastung zu Pfingsten und im Sommer aus. Nur vereinzelt seien Plätze frei.

Dass die Einnahmeausfälle im Jahresverlauf kompensiert werden können, hält der Tourismusverband Niedersachsen für unrealistisch. „Die aktuelle Lage ist katastrophal“, sagt Dehoga-Präsident Detlef Schröder. Auch in Niedersachsen gilt ein Drittel der Beherbergungs- und Gastrobetriebe als akut existenzgefährdet.

Tourismus trägt laut dem Wirtschaftsministerium 5,2 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Rund 293 000 Menschen sind dort direkt und indirekt beschäftigt - 7,4 Prozent aller Erwerbstätigen. Die nächsten Lockerungen für die Branche stehen an: Am 25. Mai sollen Hotels mit maximal 50 Prozent Auslastung wieder Urlauber empfangen dürfen.

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