Bangen um die Brücke

Bibbern vor dem Fernseher hieß es gestern Abend für viele Neuhauser: Wer gewinnt die niedersächsische Landtagswahl? Mehrfach hat Ministerpräsident Christian Wulff Gelder für die Elbquerung in die ehemalige Gemeinde des Kreises Hagenow zugesagt. Die Brücke hat darüber hinaus enorme Bedeutung. Sie bindet Mecklenburg an Niedersachsen an. Problem: Nicht jede Partei steht zu der Finanzierung.

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28. Januar 2008, 09:33 Uhr

Amt Neuhaus - Dieser Frau ist es verdammt ernst. Marianne Brusch schiebt ihren schwarzen Ledersessel über den gefliesten Büroboden. Hin und her. "Wir brauchen die Brücke", sagt die Chefin von Pötter Brusch Ofenbau in Stapel. Mit den Fußspitzen stoppt sie den schweren Stuhl, schaut durch meterhohe Ordnerregale hindurch aus dem Fenster auf das Backsteinhaus des Nachbarn. "Wir wollen, dass sich Firmen in Neuhaus ansiedeln. Nicht, dass hier alles einschläft." Die Gefahr bestehe, wenn nicht bald die Brücke bei Darchau komme. 98 Prozent ihrer Kunden sitzen südlich der Elbe. Die Fähre, mit der ihre zwölf Ofenbauer jeden Morgen halb sieben Richtung Lüneburg übersetzen, kostet Brusch 12000 Euro im Jahr. Hinzu kommen fast noch einmal genauso viel Miese für die Zeit, die ihre Handwerker auf der Fähre verbringen. Welche Firma soll sich unter solchen Bedingungen hier ansiedeln?, fragt die Geschäftsfrau. Wo Straßen sind, ist Wirtschaft.

Kontroversen seit vielen JahrenÜber zehn Jahre ist die Elbquerung geplant, genauso lange gibt es darum Kontroversen. Letztes Jahr schien alles gut zu werden, das Land hatte den Kreis Lüneburg mit dem Bau einer Brücke beauftragt, die Bagger waren schon bestellt. Vor dem Oberverwaltungssgericht endete der Plan: Das Land habe seine Kompetenzen überschritten. Denn das Ende der Nauhauser Brücke setzt auf einem Zipfelchen des Kreises Lüchow-Dannenberg auf. Dort liegt Neu Darchau, das sich - in Angst vor dem Verkehrskollaps - mit Händen und Füßen erfolgreich gewehrt hat. Lüchow-Dannenberg bekam Recht vor Gericht. Ein Nackenschlag für das 5400 Einwohner kleine Neuhaus, das auf eigenen Wunsch 1993 vom Kreis Hagenow nach Lüneburg gewechselt war.

Seit dem Urteil zischten sich die Landkreise viele böse Worte zu, mittlerweile haben sich beide Seiten angenähert. Die Verkehrsängste der Darchauer sind zerstreut, die Gemeinde hat zugestimmt. Anfang März, so rechnen Experten, wird sich auch der Kreis Lüchow-Dannenberg nun doch für die Brücke entscheiden. Das Einverständnis des Dorfes wurde jedoch teuer erkauft.

Ralf Makagon hat im Hintergrund die Fäden für den Deal gezogen. Der CDU-Ratsvorsitzende in der Neuhauser Bürgerschaft lud Christian Wulff zweimal in die nordöstliche Enklave des Landes ein, vermittelte dem Ministerpräsidenten ein Bild von der desaströsen Lebenslage der Pendler. Ein Chor sang dem Landesvater in mehreren Strophen das Brücken-Leid. Kinder erzählten Wulff, dass sie für einen normalen Schultag über acht Stunden außer Haus sind. "Wulff konnte es gar nicht begreifen, unter welchen Umständen wir hier leben. Er war sich dessen vorher gar nicht bewusst", erinnert sich Ralf Makagon.

"Eine Herzenssache für Christian Wulff"Wulff bat die zerstrittenen Landkreise an den runden Tisch und erneuerte das Versprechen des Landes . Das Ergebnis: Die Kreise kamen sich wieder näher. Gut 80 Prozent der Brücke will Hannover jetzt bezahlen, rund 30 Millionen Euro. Das Wichtigste: Wulff hat den aufständischen Darchauern eine Umgehungsstraße versprochen. "Es ist jetzt eine Herzenssache für ihn", sagt Makagon. Ein Teil der Mittel kommt wahrscheinlich aus Brüssel. Die EU unterstützt Dinge besonderer Bedeutung. Darchau ist eines davon. Nicht nur zwei Gemeinden und zwei Kreise werden verbunden. Auch Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern kommen sich ein gutes Stück näher.

Ob das Geld, von dem alles abhängt, nun wirklich fließt, könnte auch davon abhängen, welche Parteien die Regierung stellen. CDU, FDP und SPD sind pro Brücke, Bündnis 90/ Die Grünen sperren sich vehement. Die Landtagskandidatin für den Wahlkreis Elbe, Miriam Staudte, schreibt auf ihrer Homepage, dass sie dasProjekt aus finanziellen wie ökologischen Gründen ablehnt. Moorfrosch und Wachtelkönig seien bedroht, Land wie Kreis hochverschuldet, Arbeitsplätze auf der Fähre stünden vor dem Aus. Staudte schlägt niedrigere Tarife und höhere Taktzahl für den Fährverkehr vor.

Derzeit muss jeder, der nach Neuhaus will, 3,50 Euro bezahlen. "Eintrittsgeld" nennt das Makagon. Für die Ofenbauer Rusch ein Obulus, den sie nicht mehr bezahlen wollen. Aber Marianne Rusch geht es um mehr: "Wir wollen, dass die Jugend hier eine Zukunft hat, dass sie nicht wieder abwandern muss." Zu DDR-Zeiten, als das Amt Neuhaus noch zum Bezirk Schwerin gehörte und im Grenzgebiet lag, sind die jungen Leute schon einmal fortgegangen. Die Gemeinde war abgeschieden von der Volkswirtschaft. Sie ist es immer noch.

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