Fischer und der Brexit : Bangen um den Hering

Bei der der Rügen Fisch AG in Sassnitz wird Hering verarbeitet, der direkt von den EU-Fischern kommt.
Bei der der Rügen Fisch AG in Sassnitz wird Hering verarbeitet, der direkt von den EU-Fischern kommt.

Der Brexit könnte für deutsche Fischer und die Fischverarbeitung zu einem Riesenproblem werden

svz.de von
05. Mai 2017, 05:00 Uhr

Etwa zehn Monate nach dem Brexit-Votum gehören die Fischer in Großbritannien noch immer zu den vehementesten Befürwortern des EU-Austritts. Sie fühlen sich seit Langem von der Europäischen Union stiefmütterlich behandelt. Ihr Argument: Durch die gemeinsame Fischereipolitik dürfen sie nur ein Drittel der Fische aus ihren eigenen Gewässern fangen. Den Rest holen sich Boote aus anderen EU-Ländern oder Drittstaaten. Fischer aus anderen EU-Ländern fangen mehr als siebenmal so viel Fisch in britischen Gewässern wie andersherum. Auch deutsche Trawler können bislang ungehindert und legal in britischen Hoheitsgewässern auf Fischfang gehen.

Doch bald könnte es in der 200-Seemeilen-Zone rund um die Insel heißen: „UK first“. Dann wäre das Gebiet in Nordsee und Nordost-Atlantik für die deutsche und die EU-Fischereiflotte tabu. Das ist genau, was zum Beispiel der Verband der schottischen Fischer SFF (Scottish Fishermen’s Federation) fordert.

Für deutsche Fischer wäre das ein Riesenproblem. „100 Prozent der deutschen Nordseeheringsquote werden in britischen Gewässern gefangen“, sagt der Vorsitzende des Deutschen Hochseefischerei-Verbandes, Uwe Richter. Das sind mehr als 50 000 Tonnen Hering pro Jahr. Der Hering gehört mit Makrele und Wittling zu den sogenannten pelagischen Fischarten. 66 Prozent der deutschen Quote davon wurden von 2014 bis 2016 laut Richter in der britischen Zone gefangen. Er rechnet schlimmstenfalls mit einem Verlust von rund 100 Millionen Euro im Jahr.

Es geht also um viel, vor allem um Arbeitsplätze. Richter ist auch Geschäftsführer der Euro-Baltic Fischverarbeitung in Sassnitz-Mukran, wo jährlich 40 000 Tonnen Nordseehering verarbeitet werden. Allein dort stünden 230 Arbeitsplätze auf dem Spiel, sagt Richter, der auch die Berliner Politik auf die Untiefen des Brexit-Kurses hinweist.

Sollten sich die Briten künftig nicht mehr an die EU-Quoten gebunden sehen und in ihrer Wirtschaftszone deutlich mehr Fische fangen, könnte dies zu einer Überfischung von Beständen führen. „Das funktioniert natürlich so nicht. Das kann auch das Vereinigte Königreich nicht machen“, warnt Richter. „Es kann sich nicht jeder nehmen, so viel er braucht. Dann droht der Kollaps.“

Bertie Armstrong, Chef der Scottish Fishermen Federation, zeigt sich verhandlungsbereit. Er lässt aber keinen Zweifel daran, dass sich die Briten ein viel größeres Stück vom Kuchen nehmen wollen als bisher.

Allerdings geht es nicht nur ums Fangen, sondern auch ums Verkaufen. Die britischen Fischer exportieren einen großen Anteil ihrer Fänge in EU-Länder. Nach einem Brexit könnten Zölle fällig werden. Richter hat so seine Zweifel, ob das den britischen Fischern gefallen würde.

Der unbekannte Hering

Der Hering ist seit Jahrhunderten der Brotfisch der Ostseefischer. Dennoch sind dem Schwarmfisch erst jetzt neue Fakten über sein Nahrungs- und Fortpflanzungsverhalten entlockt worden. Der Fischereibiologe Paul Kotterba vom Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock untersuchte den Einfluss von Räubern auf das Überleben von Heringseiern und stellte fest, dass sich im Greifswalder Bodden besonders Stichlinge ausgiebig von Heringslaich ernähren, wie die Forschungsstiftung Ostsee  mitteilte. Zudem habe die Untersuchung des Mageninhaltes von  Heringen im Herbst gezeigt, dass – anders als erwartet – die Tiere in dieser Zeit statt Plankton Fische fressen.Der Fischereibiologe wurde von der Forschungsstiftung mit dem erstmals ausgelobten Preis für Nachwuchsforscher geehrt.


 
 

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