Unternehmen : Balmer kennt keine Hindernisse

balmer
1 von 2

Die Spedition aus Holthusen bei Schwerin spezialisierte sich nach der Wende auf schwere Windmühlen.

Hindernisse überwinden. Das ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert für den Unternehmer Eckart Balmer Credo und Geschäft zugleich. Der heute 60-Jährige gründete 1988 in Holthusen bei Schwerin sein eigenes Fuhrunternehmen. In der Planwirtschaft der DDR war derartige private Initiative wenig gelitten. „Um eine Gewerbegenehmigung zu erhalten, brauchte ich einen Lkw, den ich damals nicht hatte“, blickt der geschäftsführende Gesellschafter der Balmer Spedition und Lkw-Service GmbH zurück. Mit dem Abstand der Jahre sei ihm erst richtig klar geworden, wie „abenteuerlich“ das zu jener Zeit war, als der Fall der Mauer weiter entfernt war als die Landung von Menschen auf dem Mars. „Ich war unzufrieden geworden im alten Job als Bauleiter, ich wollte wirtschaftlich selbstständig agieren.“ Zum Glück habe Ehefrau Anneliese „mitgespielt“ und so geholfen, die erste Hürde zu überwinden.

Ein eigener Lkw. Das war ein alter W50, den er sich eigenhändig aufgebaut hat. „Dafür habe ich meinen alten Trabbi verkauft und fehlende Bau- und Ersatzteile von sonst woher besorgt.“ Eckart Balmer ist großgewachsen und von kräftiger Statur. Einer wie er lässt sich nicht so schnell vom Weg abbringen. Doch in sein Lächeln über den einstigen Husarenritt bekennt er freimütig, „aus heutiger Sicht würde ich mir das nicht noch mal aufbürden.“ Um Zeit für den Lkw-Aufbau zu haben, heuerte er für ein Jahr beim ortsansässigen genossenschaftlichen Landwirtschaftsbetrieb als Kraftfahrer an. Am 1. Juni 1988 hatte er die Genehmigung und den eigenen Lkw.
Als dann vor 25 Jahren die Mauer schneller fiel, als die Menschheit vom ersten Flug zum Mars träumen konnte, schlug für die Spedition binnen Monaten die zweite Stunde null. „In der DDR wurden einem die Aufträge durch den staatlichen Kraftverkehr zugeordnet, jetzt mussten wir uns selbst um Kunden kümmern.“ Ein vermeintliches Hindernis, was es für den agilen Unternehmer nie war. Zunächst fuhr er Getränke in Schwerin. Der Fuhrpark wuchs um einen weiteren W50, den er „aus dem Bestand der einstigen Kampfgruppen der Arbeitsklasse“ ergattert hatte, und einen alten Mercedes-Lkw. Mit dem Schweriner Maschinen- und Anlagenbauer KGW trat dann eines Tages ein Auftraggeber auf den Plan, der für die Spedition Balmer wegweisend werden sollte. Die Firma stellte unter anderem schwere Ankerwinden, Ausleger und Bordkran-Stützböcke für den Schiffbau her. Um die schweren Teile transportieren zu können, musste Eckart Balmer zunächst sogar Subunternehmen aus dem Westen mit entsprechender Fahrzeugtechnik beschäftigen.

Anfang der 90er Jahre begann KGW, Türme für Windkraftanlagen zu produzieren. 1992 dann die Premiere für die Spedition Balmer. Sie transportierte eine erste schwere Turmkomponente von Schwerin an die schleswig-holsteinische Nordseeküste. Fortan trieb Firmenchef Balmer die Spezialisierung auf die Windenergiebranche gezielt voran, stattete den eigenen Fuhrpark mit Schwerlastzügen aus. Heutzutage fährt das Unternehmen „für fast alle renommierten Windkraftanlagenbauer“, sind die insgesamt 26 Schwerlastzüge mit dem Namenszug Balmer deutschland- und europaweit auf Achse. Entscheidend für den Erfolg im Spezialtransport ist das Know-how, das sich zuallererst aus jahrelangen Erfahrungen speist. „Eine spezielle Ausbildung für die Fahrer zum Beispiel gibt es nicht“, sagt der Geschäftsführer, der in den ersten zehn Jahren selbst hinterm Lenkrad gesessen hat. Und fügt hinzu: „Die Fahrer sind das wichtigste Kapital und Aushängeschild des Unternehmens.“ Sie müssen sich bei den Schwerlasttransporten, die zumeist in den verkehrsarmen Nachtstunden erfolgen, mit den Behörden vor Ort und der Polizei verständigen. Sie tragen auf den abgesteckten Routen die Verantwortung für wertvolle Fracht. Nicht minder ins Gewicht fallen auch die intensiven Vorbereitungen jedes einzelnen genehmigungspflichtigen Transports. Sie beginnen bereits ein Jahr zuvor. Es müssen unter anderem Streckenpläne und Machbarkeitsstudien erstellt werden. „Jede Tour wird vorab abgefahren“, betont Balmer. In der realen Besichtigung würden viele kleine Hindernisse entdeckt, die auf einer visuellen Darstellung häufig nicht zu erkennen sind, aber das ganze Projekt zum Scheitern bringen können. Einmal hatte ein Mitarbeiter beim Erkunden der Fahrtstrecke ein entscheidendes Detail übersehen. Die bittere Konsequenz: Der Schwerlastzug konnte den Ort nicht passieren. Nichts zu machen. „So ein Fehler reicht für die nächsten 26 Jahre“, kommentiert Balmer lakonisch.

Um auch künftig alle Hindernisse überwinden zu können, ist Spediteur Balmer „bei der Technik wild hinterher“. So sei absehbar, dass die Rotorblätter an Länge noch zulegen werden, sagt Balmer. Würden derzeit bis zu 58 Meter lange Flügel am Stück transportiert, so seien von den Herstellern Längen bis zu 65 Meter geplant. Damit wird das Durchkurven von Autobahnauffahrten und Serpentinen im Gebirge noch mehr zur Zentimeterarbeit. Um für diese Herausforderungen gewappnet zu sein, arbeitet Balmer eng mit den Windkraftanlagenbauern und Fahrzeugherstellern zusammen. Jüngstes Ergebnis ist ein neuer spezieller Auflieger, der das Rotorblatt bei engem Radius über die Höhe der Leitplanke anheben kann. Wieder ein Hindernis überwunden.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen