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Keime in MV auf dem Vormarsch : Bakterienalarm im Trinkwassernetz

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Keimgefahr am Wasserhahn: Ein rätselhafter Bakterienbefall im Trinkwasser breitet sich in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg aus. Auch gestern gab es wieder einen neuen Fall, diesmal im Versorgungsgebiet Anklam.

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erstellt am 23.Nov.2011 | 10:05 Uhr

Neubrandenburg | Keimgefahr am Wasserhahn: Ein rätselhafter Bakterienbefall im Trinkwasser breitet sich in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg aus. Während Wasserwerke in den westlichen Landesteilen und die großen Wasserversorger in Schwerin und Rostock bislang verschont blieben, wurde vornehmlich in den östlichen Landesteilen, aber auch in der Müritzregion sowie in der Prignitz in den vergangenen Wochen mittlerweile in mindestens zwei Dutzend Regionen Keimalarm ausgelöst. Jüngster Fall: Erst gestern wurden im Versorgungsgebiet Anklam in einem sogenannten Reinwasserbehälter im vorpommerschen Relzow Enterokokken in geringer Zahl festgestellt, teilte Achim Froitzheim, Sprecher des Landkreises Vorpommern-Greifswald gestern mit. Die betroffene Kammer sei sofort geschlossen worden, die anderen Anlagenteile würden jetzt desinfiziert. Allein Im Landkreis Mecklenburger Seenplatte seien inzwischen 17 Wasserwerke betroffen, teilte eine Kreissprecherin gestern mit. Die betroffenen Anlagen würden desinfiziert.

Vorsorge: Kindergärten stellen Zähneputzen ein

Cholibakterien in Gützkow, Kokken im Wasser von Gerswalde in der Uckermark, Keime in Wasseranlagen in Papendorf, Alt Warp, Riems und Ferdinandshof oder in der Müritzregion - überall sind bei Wasserproben Verunreinigungen festgestellt worden. Gesundheitsbehörden und Wasserversorger schlagen Alarm und haben die Einwohner aufgefordert, nur noch abgekochtes Trinkwasser bei der Zubereitung von Speisen und Getränken, für das Abwaschen von Gemüse und Obst sowie zum Zähneputzen und für medizinische Zwecke zu verwenden. In Dargun hatte sich Anfang November ein Krisenstab formiert, um die Trinkwasserversorgung für die beiden Großkunden Brauerei und Käserei zu sichern. Vorsorge ist angebracht: Enterokokken beispielsweise sind vor allem für Menschen deren Immunsystem bereits geschwächt ist und für Kleinkinder ein gesundheitliches Risiko. Ihnen drohen Harnwegs- und Magen-Darm-Infektionen, die mit Symptomen wie Durchfall, Übelkeit und Erbrechen einhergehen können. Kreis-Sprecher Froitzheim warnt trotzdem vor Panik: Akute Gesundheitsgefahr bestehe nicht. Wasser sei das "am besten kontrollierte Lebensmittel" und werde durch regelmäßige Kontrollen überwacht.

Nach der Desinfektion der Anlagen ist die Keimgefahr inzwischen in den ersten Wasserwerken zwar gebannt. So wurde beispielsweise das Abkochgebot u. a. für tausende Einwohner in Papendorf bei Pasewalk und Warenhof bei Waren nach Wochen wieder aufgehoben, die Angst vor den Darmbakterien ist aber geblieben. Besorgte Eltern, beunruhigte Einwohner, ratlose Experten: Kindergärten, Pflegeheime, Krankenhäuser treffen indes Vorsorge. In der privaten Kindertagesstätte Kinderland in Priborn sei beispielsweise bereits seit Wochen das Zähneputzen eingestellt worden, teilte Kita-Chefin Andrea Sommerfeld gestern mit: "Eine Vorsichtsmaßnahme bis auf Widerruf." Die Kinder würden mit Trinkwasser aus Flaschen versorgt.

Der Unmut wächst: Wochenlang mussten beispielsweise Einwohner im brandenburgischen Wittenberge ihr Wasser abkochen. Nach der Desinfektion der Anlagen wurde das Trinkwasser zwar wieder freigegeben, die Ursache für den Bakterienbefall ist trotz monatelanger Suche noch immer nicht auszumachen. Die Fachwelt steht vor einem Rätsel: Hochwasser, Mückeninvasion oder doch verunreinigte Proben? Monate nach dem ersten Keimfall haben Wasserversorger, Gesundheitsbehörden und Fachverbände keine Ursache für den ominösen Keimbefall entdecken können. Betroffen war auch das Wasserwerk Kogel der Stadtwerke Malchow im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte: In einer Trinkwasserprobe sei ein Keim gefunden worden, erklärte Wasserchef Gunthar Teichmann gestern. Zwar habe sich nach einer weiteren Probe der Verdacht nicht mehr bestätigt. Bislang gebe es aber keine Erklärung für den Keimbefall. Der Landkreis Mecklenburger Seeplatte geht in allen 17 Fällen in der Region davon aus, dass Kadaver von Mücken Ursache der Verunreinigung seien, erklärte eine Sprecherin. Dagegen spreche, dass bei den Stadtwerken Malchow keine Insekten in den Reinwasserbehältern gefunden worden seien, erklärte Teichmann. Die Be- und Ablüftungen der Behälter seien mit intakten Gasen abgesichert. "Da kommt keine Mücke rein", sagte Werksleiter Teichmann. "Es gibt bislang keine vernünftige Begründung für den Keimverdacht. Wir haben alles getan, was man tun konnte."

Hat das Sommer-Hochwasser die Brunnen verunreinigt?

Ratlosigkeit auch beim Verein des Gas- und Wasserfachs (DVWG): So könnte das Hochwasser im Sommer die sogenannten Brunnenstuben verunreinigt haben, mutmaßt Torsten Birkholz, Geschäftsführer der Landesgruppe Nord in Hamburg. Für Kreissprecher Froitzheim keine Erklärung: Bislang seien lediglich in einem Brunnen geringe Belastungen festgestellt worden. "Alle anderen waren in Ordnung."

Die Ursachenforschung beschränkt sich indes auf Spekulationen. "Die Suche nach der Quelle läuft", so Achim Froitzheim. Klar scheint indes nur: Noch seien die im Trinkwasser entdeckten Bakterien "lokal begrenzt", meinte DVWG-Chef Birkholz. "Das gibt es immer wieder mal." Dennoch: Trotz der seit Monaten gemeldeten Bakterienfälle in den verschiedensten Kreisen, die Landesbehörden halten sich sowohl in Mecklenburg-Vorpommern als auch in Brandenburg zurück. Keine Zuständigkeit, heißt es in Schwerin. Die Trinkwasserversorgung gehöre zur kommunalen Daseinsvorsorge, wehrt man ab.

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