zur Navigation springen

In diesem Jahr zugelassenes biologisches Mittel : Bakterien legen Spinner lahm

vom

Erstmals in diesem Jahr wurde der Bacillus thuringiensis zur Bekämpfung der gefährlichen Larven, des Eichenprozessionsspinner, für den Einsatz in Städten freigegeben. "Wir wissen, dass dieses Mittel gut wirkt.

svz.de von
erstellt am 23.Aug.2013 | 06:57 Uhr

Schwerin | Sie sind klein, stark behaart, fressen einzelne Bäume, aber auch ganze Waldbestände kahl und werden für Menschen zur Gefahr: Die Nachkommen des in diesen Tagen schlüpfenden, kleinen, unscheinbaren Eichenprozessionsspinners sorgen in großen Teile Mecklenburgs in Wohngebieten, Parks, auf Spielplätzen oder an Alleebäumen für Angst - vor Hautreizungen und Atembeschwerden sowie lebensgefährlichen Schockreaktionen. Rund um Ludwigslust, zwischen Hagenow und Lübtheen, Dömitz, nahe Boizenburg, südlich von Neubrandenburg: Die Befallsgebiete des Eichenprozessionsspinners nehmen seit 2007 zu. Mittlerweile sind auch Teile der Landkreise Rostock und Mecklenburgische Seenplatte betroffen. Ein erstmals in diesem Jahr als Biozid zugelassenes Bakterium soll helfen, auch in bewohnten Gebieten dem Schmetterling an den Kragen zu gehen und der gefährlichen Larven Herr zu werden.

Erstmals in diesem Jahr wurde der Bacillus thuringiensis zur Bekämpfung der gefährlichen Larven für den Einsatz in Städten freigegeben. "Wir wissen, dass dieses Mittel gut wirkt, Gewissheit werden wir allerdings erst nächstes Frühjahr gewinnen", sagt Diplomforstwirtin Nadine Bräsicke vom Braunschweiger Bundesforschungsinstitut Julius Kühn (JKI). Neu ist das Mittel zwar nicht, es durfte bislang aber vor allem nur in unbewohnten Gebieten gegen den Eichenprozessionsspinner (kurz EPS) eingesetzt werden. In diesem Jahr kam es in den Hauptbefallgebieten aber auch in Ortschaften, an Dorfrändern, zum Einsatz - in sieben Ortschaften in Mecklenburg-Vorpommern, erklärte Joachim Vietinghoff, stellvertretender Direktor des Landesamt für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei in Rostock: "Mit gutem Erfolg" - und einem Wirkungsgrad von 95 Prozent.

Auch der niedersächsische Kreis Lüchow-Dannenberg hat gute Erfahrung mit dem biologischen Gift gemacht: "Wir haben eine Erfolgsquote von annähernd 100 Prozent", sagt Ernst-August Schulz vom Kreis Lüchow-Dannenberg. Mehrere tausend Bäume seien besprüht worden. Und ganz wichtig: "Es gab keinerlei Beschwerden. Auch die Leute, die mit dem Mittel gearbeitet haben, haben über keine Beeinträchtigungen geklagt", sagt Schulz. Nach zwei Tagen sei das Gift durch die UV-Strahlen ohnehin zersetzt. In diesen zwei Tagen müssen die Raupen das Toxin über die Nahrung aufnehmen. Das einzige Problem sei das geringe Zeitfenster, sagt Schulz. Das enge Zeitfenster ergibt sich auch aus der Entwicklung der Eichenprozessionsspinner in den sechs Larvenstadien. In diesen Spätsommertagen paaren sich die Falter in ihrem nur wenige Tage dauernden Leben und legen in die Kronen von Eichen ihre Eier. Oft unbemerkt überwintert die Brut. Im Frühjahr fallen dann die Larven über die Bäume her - zunächst ohne Gifthärchen. Erst im dritten Stadium ihres Lebens entwickeln sie die gefährlichen Härchen. Diese wirken auch nach dem Tod der Insekten. "Sie können bis zu zehn Jahre aktiv bleiben, deshalb sollte der EPS unbedingt vor der Brennhaar-Entwicklung bekämpft werden", sagt JKI-Sprecherin Gerlinde Nachtigall.

Ihren Namen haben die gefräßigen Raupen von einer besonderen Eigenart: Sie ziehen in langen Prozessionen von teils mehreren tausend Insekten in Reih und Glied zum Fressen aus ihren Gespinstnestern. Der Eichenprozessionsspinner ist ein einheimisches Insekt. Und obwohl es ihn schon immer gibt, ist er erst in den vergangenen Jahren zu einem großen Problem geworden. Das JKI beobachtet die Ausbreitung seit Jahren: "Früher gab es ihn nur in Bayern und im Nordosten", berichtet Nachtigall. Seit den 1990er Jahren verbreitet sich das Insekt nun enorm. Mittlerweile verschont er lediglich noch die Saarländer, die Thüringer und die Bremer. Als Ursache vermuten die Wissenschaftler die Klimaerwärmung.

Die Bakterien scheinen indes ganze Arbeit zu leisten. Auf 2500 Hektar in Südwestmecklenburg wurde u. a. das Biozid per Hubschrauber ausgebracht. Inzwischen seien die behandelten Alleen überwiegend völlig frei von Raupennestern, schätzt das Landwirtschaftsministerium ein. Nur an wenigen Einzelbäumen seien noch Nester entdeckt worden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen