Erster Weltkrieg : Badeurlaub im Kriegschaos

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Als der Erste Weltkrieg ausbrach, herrschte an der Ostseeküste Urlaubssaison – dann änderte sich das Leben

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25. Mai 2018, 05:00 Uhr

Die Wartesäle waren überfüllt, manche Reisende saßen auf den Puffern der Personenwaggons. Als im August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, herrschte an der mecklenburgischen Ostseeküste Hochsaison. Und ganz plötzlich auch furchtbares Chaos. „Mit den Kriegserklärungen war die Saison beendet“, sagt die Rostocker Historikerin Antje Strahl. Die Gäste reisten Hals über Kopf ab. „Das Ergebnis war für viele Pensionsbetreiber desaströs.“

Die Wissenschaftlerin sprach gestern auf einem Symposium des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, der Stiftung Mecklenburg und der Landeszentrale für politische Bildung. Es fand in der Landesvertretung von MV in Berlin statt und soll heute in Schwerin fortgesetzt werden. Aus Anlass der 100. Wiederkehr des Endes des Ersten Weltkriegs widmete man sich dort dem blutigen Epochenereignis aus der Sicht der Mecklenburger: Etwa dem Schicksal des Reserve-Infanterie-Regiments 90, das in der Schlacht von Cambrai zum Einsatz kam. Oder der Flugzeugproduktion von Anthony Fokker in Schwerin. Sie war nach Ansicht des Historikers Marc Dierikx die erste industrielle Flugzeugproduktion der Welt – „man würde sich wünschen, dass sich die Stadt Schwerin etwas mehr Arbeit macht, um die Hinterlassenschaften Fokkers touristisch zu vermarkten“.

Und eben den Seebädern. Denn während die Touristen 1914 noch Hals über Kopf abreisten, kamen sie 1915 schon wieder. Doch ein Badeurlaub im Krieg bereitete durchaus Schwierigkeiten. „In Warnemünde waren die Ost- und die Westmole für Urlauber gesperrt, Taschenlampen und Ferngläser verboten“, sagte Strahl.

Urlauber mussten ihre Lebensmittelkarten mitbringen, und erhielten längst nicht so viel Brot wie die Einheimischen. Ein Schwarzmarkt breitete sich aus. Die Sommerfrischler aus den Städten kauften in Mecklenburg die Lebensmittel auf – und den Mecklenburgern ging das Essen aus. Bei Kontrollen an den Bahnhöfen wurden in den Kriegsjahren mehrere 10 000 Eier und tonnenweise Kartoffeln im Gepäck von Feriengästen entdeckt. Und die Behörden schleusten sogar ihre Mitarbeiter in die Hotels ein, die penibel aufschrieben, wann und wie ganz ohne Fleischkarte ein Schinkenbrot serviert wurde.

Auch wenn in den Jahren von 1914 bis 1918 die Hotels in den Kurorten der Ostseeküste weiter gut gefüllt waren und auch wenn die großen Schlachten dieser Jahre an anderen Fronten stattfanden: In Mecklenburg spürte man deutlich die Auswirkungen des Krieges.

Benjamin Lassiwe

Alle in Berlin gehaltenen Vorträge und zahlreiche weitere Präsentationen sind heute ab 9:30 Uhr im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus zu hören. Die Tagungsgebühr beträgt 10 Euro.

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