Backhaus`s Skandale und Skandälchen

<strong>Entging einem Prozess: </strong>Till Backhaus<foto>Jens Büttner</foto>
Entging einem Prozess: Till BackhausJens Büttner

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07. Oktober 2013, 07:32 Uhr

Schwerin | Nach der Affäre ist vor der Affäre: Im Prügel-Streit mit dem forschen Cabrio-Fahrer um einen angeblichen Faustschlag bei einer sonntäglichen Radtour ist Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) gestern noch glimpflich davongekommen - es stand Aussage gegen Aussage. Die Staatsanwaltschaft Rostock stellte alle Ermittlungsverfahren sowohl gegen Backhaus als auch den Mercedes-Fahrer ein - kein hinreichender Tatverdacht, so die Staatsanwälte. Vor allem: Rechtsmediziner konnten nach der angeblichen Prügelattacke von Backhaus am Tag des Unfalls "keine Kopfverletzungen" feststellen, "die sich mit einem Faustschlag in Einklang bringen lassen", teilte die Staatsanwaltschaft mit. Entwarnung für den SPD-Politiker, "große Erleichterung" bei Backhaus - da droht dem Landwirtschaftsminister schon wieder Stress. Ein Streit mit seiner Ex-Freundin Mandy Wehr um einen Trecker und Finanzhilfen von mehreren hunderttausend Euro beschäftigen die Ermittlungsbehörden - Strafanzeige wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und des Prozessbetruges.

Krach auf dem Ministersessel: Backhaus ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten wie kein anderer Landespolitiker in Mecklenburg-Vorpommern in die Schlagzeilen geraten. Als dienstältester Landwirtschaftsminister in Deutschland lieferte er sich immer wieder Auseinandersetzungen, um die Privatisierung des ehemals volkseigenen Bodens, um Millionen-Subventionen für die heimischen Landwirte oder den Kauf hunderter Seen durch das Land - und erntete dafür Anerkennung bei Praktikern und aber auch Politiker-Kollegen über die Fraktionsgrenzen hinweg. Nach 15 Jahren Landwirtschaftsminister: In der Agrarszene ist der Diplom-Agraringenieur und einstige Abteilungsleiter in der LPG Lübtheen Backhaus gesetzt. Außerhalb seines Ministerbüros aber hängen ihm seit Jahren Skandale und Skandälchen an.

Die Liste ist lang: Mitte der 90er-Jahre musste er sich gegen Vorwürfe wehren, als gewählter Abgeordneter des Landtages nur einen Scheinwohnsitz in Mecklenburg-Vorpommern zu haben, tatsächlich aber im Elternhaus in Neuhaus an der Elbe zu wohnen - als Abgeordneter nicht zulässig. Die Region Neuhaus aus dem einstigen Landkreis Hagenow gehört seit 1993 zu Niedersachsen. Als Niedersachse wäre Backhaus aber für den Landtag MV nicht wählbar gewesen. Das ging weiter, als ihm sein einstiger väterlicher Freund und Förderer Friedrich Harms ein Gutachten über diese Wohnortfrage spendierte, was Backhaus eine Untersuchung im Landtag einbrachte, bevor sich beide wegen der Doktorarbeit zerstritten. Oder Backhaus’ Hochzeit in den 90ern: Der Ausschank auf der privaten Party am Stand einer heimischen Brauerei warf die Frage auf, wer am Ende die Bierrechnung bezahlte.

Der als beratungsresistent geltende, gern auch mal aufbrausende und manchmal an Selbstüberschätzung leidende Minister agierte nicht immer glücklich: Sein unglückliches Auftreten während des Höhepunktes der Vogelgrippe auf Rügen Anfang 2006 machte ihn damals bundesweit bekannt. Seine Anfang der 2000er-Jahre vorgelegte Doktorarbeit zum Thema "Betrachtungen zur Getreideproduktion in Mecklenburg-Vorpommern zwischen 1900 und 2000" brachte ihm den Vorwurf ein, seine Arbeit genüge "weder inhaltlich noch formal wissenschaftlichen Ansprüchen", urteilte Agrarwissenschaftler Wilhelm Römer. Jahrelang hatte Backhaus sie neben seinem arbeitsreichen Ministeramt geschrieben, unterstützt von seinem Doktorvater Prof. Norbert Makowski. Dass der nahezu zeitgleich Beraterverträge mit einer unter Aufsicht des Landwirtschaftsministeriums stehenden Agrarberatung erhielt, warf zumindest Fragen auf.

Wie auch seine nach wie vor ungeklärte und ohne Wissen des damaligen Ministerpräsidenten Harald Ringstorff erfolgte persönliche Ministerreise nach Weißrussland: 1050 Kilometer persönlich am Steuer des Dienstwagens, um die Jahreswende, mit nur einem Unternehmer auf dem Rücksitz - um Wirtschaftskontakte zu knüpfen. Ergebnisse blieb Backhaus bis heute schuldig.

Der dienstälteste Minister in MV Till Backhaus konnte sich bislang der Zustimmung, vor allem bei den Bauern, sicher sein: Inzwischen erntet er Pfiffe, wenn Bauernpräsident Rainer Tietböhl, wie am vergangenen Wochenende auf dem Landeserntedank in Loitz, die Grüße des Ministers ausrichtete, weil Backhaus erstmals nicht am Erntefest teilnehmen konnte. Das hat es bislang noch nicht gegeben.

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