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Flüchtlingstagebuch Teil 6 : Baby kommt und keiner kann englisch

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine Schwangere braucht einen Notarzt / Rettungsstelle versteht sie nicht

von
erstellt am 07.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Moha ist seit über einem Jahr auf der Flucht. Vor drei Wochen erreichte er Deutschland. In MV wartet er auf seine Registrierung. Redakteurin Lisa Kleinpeter begleitet ihn auf seinem Weg.

Es ist wahrscheinlich die Horror-Vorstellung vieler werdender Mütter: Nachts setzen die Wehen ein. In einer vorübergehenden Flüchtlingsunterkunft, auf einem kleinen Dorf, weit weg von einem Arzt. Noch weiter weg von einem Krankenhaus. Und in der Notrufzentrale spricht man weder die eigene Sprache noch englisch. Spätestens das ist wohl der Moment, wo einer Schwangeren der Schweiß ausbricht.

Es ist nachts um 4 Uhr, als mein Handy auf dem Nachttisch plötzlich aufgeregt hin- und herhüpft. Im Halbschlaf versuche ich meinen Wecker auszudrücken. Doch irgendwie funktioniert es nicht. Als ich auf mein Display blinzele, wird da eine unbekannte Nummer angezeigt. Ich nehme ab: „Hallo?“ – „Pregnant“, „Baby“, „Ambulance“ brüllt jemand auf der anderen Seite. Ich brauche einen kurzen Moment, um zu begreifen. Es ist Moha. Schlagartig bin ich wach.

„Wer ist schwanger?“, frage ich. Moha klingt nervös. Er erklärt mir, dass eine 25-jährige Frau aus seiner aktuellen Unterbringung – „in der Mitte von Nirgendwo“, wie er sagt – in den Wehen liegt. Sie hätten versucht, einen Notarzt anzurufen, doch niemand hätte sie verstanden. „Can you call the ambulance, please? – Kannst du bitte den Notarzt anrufen. Einen kurzen Moment später spreche ich mit der Rettungsstelle, erkläre die Situation. Schließlich kommt die Nachricht von Moha: Der Notarzt wäre gekommen und hätte die Frau mitgenommen. Später erfahre ich, dass sie einen gesunden Jungen zur Welt gebracht hat: Josef.

Doch Moha macht sich noch immer Sorgen. In seiner Unterkunft wohnen auch zwei ältere Männer. Der eine wäre herzkrank, der andere hätte Diabetes, erzählt er. „Was, wenn ihnen irgendwas passiert?“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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