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Mecklenburg-Vorpommern

17. Dezember 2017 | 03:28 Uhr

Urteil : Baby ertrinkt nach Abschiedskuss

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Landgericht Schwerin verurteilt dreifache Mutter zu fünfjähriger Haftstrafe wegen Totschlags.

Die Frau trägt auch im Gericht eine dunkle Sonnenbrille. Das schwarze Kopftuch hat sie tief ins Gesicht gezogen, den Körper mit einer dicken Jacke verhüllt. Sie dreht sich weg von den Kameras, die sie auf der Anklagebank unnachgiebig ins Visier nehmen. Doch sie kann sich nicht unsichtbar machen. Und ihre Tat nicht ungeschehen.

„Dabei wäre eine Lösung so einfach gewesen“, sagt der Vorsitzende Richter Robert Piepel, als die Kameras ausgeschaltet sind und er das Urteil verkündet: Fünf Jahre Haft für Totschlag ihres Neugeborenen. Das ist keine milde Strafe. Aber auch keine zu harte, bemerkt der Richter. Wenn man bedenke, dass hier ein Mensch zu Tode kam. Nur wenige Minuten hat der kleine Junge gelebt, dem seine Mutter später einen klangvollen Doppelnamen gab. „Sie haben Ihrem Kind das Lebensrecht abgesprochen“, sagt der Richter. „Warum haben Sie nicht Hilfe gerufen und das Baby zur Adoption freigegeben? Das ist nicht nachvollziehbar“.

Dabei hatte die dreifache Mutter über einen Ausweg nachgedacht. Sie hat sich im Internet über Babyklappe und anonyme Geburt erkundigt, den Geburtstermin errechnet - und dann doch nichts unternommen. „Die Natur wird's schon richten“, habe sie gedacht, vermutete der psychiatrische Gutachter. „Doch es war nicht die Natur. Sie waren es, die gehandelt hat“, sagt der Richter und schildert den Tathergang: Die heute 28-Jährige bringt das Kind im April 2013 in der Badewanne ihrer Wohnung in Grevesmühlen gesund auf die Welt. Sie hebt es aus dem Wasser, nimmt es auf den Arm und gibt ihm einen Kuss. Den „Abschiedskuss“. Dann legt sie es in die Wanne zurück. Sie sieht, wie der kleine Kopf unter Wasser gerät und verlässt das Bad, um sich anzuziehen.

Nach drei bis vier Minuten kehrt sie zurück. „Da weiß man, dass ein Baby so etwas nicht überlebt“, sagt der Richter. Das tote Kind legt sie in einen Müllsack, den sie in der Küche abstellt, säubert das Bad und telefoniert mit engen Verwandten. Die drängen sie, den Notarzt zu rufen. Das tut sie. Doch der kann nicht mehr helfen.

Das Gericht geht von „Tötungsvorsatz“ aus, aber auch – im Gegensatz zum Staatsanwalt – von einem minderschweren Fall. Sie habe selbst Gewalt und einen sexuellen Übergriff durch Stiefväter erlebt und nicht gelernt, Probleme zu durchdenken und nach adäquaten Lösungen zu suchen, befindet das Gericht.

Sechsmal wurde sie schwanger, von verschiedenen Männern. Erlitt sehr jung eine Fehlgeburt, später brach sie eine Schwangerschaft ab. Da hatte sie schon drei Kinder zur Welt gebracht. Keines lebt bei ihr. Die Älteste wohnt schon länger beim leiblichen Vater, wie es ein Gericht entschied, die Zweitgeborene bei der Großmutter. Ihr Sohn, der am Tattag in der Wohnung schlief, ist inzwischen in einer Pflegefamilie. Als sie 2012 wieder schwanger wurde, ist das Kind nicht gewollt – vom Vater nicht, von dem sie längst getrennt war. Und von ihr auch nicht. Zuerst erzählte die Frau noch, sie sei von der Geburt überrascht und ohnmächtig geworden. Doch im Prozess, in dem zeitweise die Öffentlichkeit ausgeschlossen war, legte sie ein Geständnis ab.

Das rechnet ihr das Gericht hoch an. „Es tut mir alles so leid“, sagte sie unter Tränen im letzten Wort, das jedem Angeklagten zusteht. Der Staatsanwalt hatte eine Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren gefordert, ihr Verteidiger ein „gerechtes und mildes Urteil“. Die Frau hat nun eine Woche Zeit, um zu entscheiden, ob sie die Strafe annimmt.

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