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Prozess in Schwerin : Baby ertrinkt in Badewanne

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mutter wegen Totschlags vor Gericht / 28-Jährige soll ihren Sohn nach der Geburt umgebracht haben / Prozessbeginn in Schwerin

svz.de von
erstellt am 26.Jun.2014 | 20:41 Uhr

Schwarze Kapuze über dem Kopf, schwarzes Tuch vor dem Gesicht, dunkle Kleidung. Die 28-Jährige will nichts von sich preisgeben. Doch die Blicke der Zuschauer und die Objektive der Kameras verfolgen sie hartnäckig auf ihrem Weg durch das Schweriner Landgericht. Ihr Verteidiger führt sie in den Schwurgerichtssaal, wo sie auf der Anklagebank Platz nimmt. Und wo sie ihren Kopf noch immer gesenkt hält, als der Prozess beginnt und die Kameras längst verschwunden sind. Es ist die unfassbare Tat, die das große Interesse der Öffentlichkeit weckt: Eine Mutter tötet ihr Baby. So jedenfalls sieht das die Staatsanwaltschaft. Die Anklage lautet auf Totschlag.

Im April vorigen Jahres soll sie in ihrer Wohnung in Grevesmühlen mutterseelenallein ihren Sohn in der Badewanne zur Welt gebracht und ihn gleich nach seinen ersten Atemzügen unter Wasser gedrückt haben. So lange, bis er starb. 55 Zentimeter groß, über 3300 Gramm schwer – ein lebensfähiges Kind, wie ein Gerichtsmediziner später bei der Obduktion feststellt. Leichnam, Plazenta und Nabelschnur packt die Mutter in Plastiktüten, die sie in der Küche abstellt.

Das klingt kaltblütig. Und doch sucht sie Hilfe, telefoniert mit Angehörigen. Die drängen sie, selbst Notarzt und Polizei zu verständigen. Was sie auch tut. Wie Kinder zur Welt kommen, das weiß sie. Drei hat sie schon geboren. Die sind jetzt acht, vier und zwei Jahre alt. Die beiden älteren Töchter leben laut Staatsanwalt bei der Großmutter, weil die Angeklagte mit der Erziehung überfordert sei. Die ungewollte Schwangerschaft habe sie verschwiegen, sich den Geburtstermin selbst ausgerechnet, heißt es in der Anklage. Doch dann setzen die Wehen elf Tage eher ein, als sie erwartete. Da ist es Anfang April 2013 und sie allein in der Wohnung.

Viel mehr erfahren die Zuschauer gestern nicht. Denn gleich nach Verlesung der Anklage beantragt der Verteidiger den Ausschluss der Öffentlichkeit. Seine Mandantin werde Stellung nehmen zu den Tatvorwürfen und auch Fragen zu ihrem Lebensweg beantworten. Aber nur, wenn keine unliebsamen Zuhörer im Saal sind. Zu viel Intimes aus dem Familienleben werde bekannt und das betreffe auch ihre drei Kinder.

Das Gericht sieht das ähnlich. Zumindest für den ersten Verhandlungstag, an dem die Angeklagte befragt wird, schicken die Richter die Prozessbeobachter vor die Tür. Der Schutz der Persönlichkeitsrechte wiege schwerer als das Interesse der Öffentlichkeit, begründen sie.

So bleibt Raum für Vermutungen. Das Gericht hatte angekündigt, weitere Ermittlungen zu Internetrecherchen der Angeklagten zu verfolgen. Offenbar hat sie bei früheren Vernehmungen gesagt, sich über Babyklappen und anonyme Geburten informiert zu haben. Und widersprüchliche Angaben gemacht zu ihrer Verfassung am Tag der Geburt und zum konkreten Geschehen in der Badewanne. Das Gericht hat für die nächsten acht Verhandlungstage bis September nicht nur zahlreiche Zeugen geladen, sondern auch mehrere Sachverständige, die Auskunft zu den Todesumständen des Babys und zur Verfassung der Angeklagten am Tattag geben sollen. Der Prozess wird kommende Woche mit den ersten Zeugenbefragungen fortgesetzt.

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