zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 12:28 Uhr

Ausgerechnet Lulu

vom

svz.de von
erstellt am 06.Feb.2012 | 12:22 Uhr

Ludwigslust | Ein Serienmörder geht um. Wieder hat er zugeschlagen. Diesmal in Ludwigslust. Ausgerechnet in Lulu. Diesem idyllischen Städtchen mit seinem spätbarocken Schloss und der Großen Kaskade davor.

In deren Wassern liegt eines trüben Tages eine junge Frau. Ermordet. Zur Schau gestellt. In einer Mischung aus Neugier und Entsetzen äugen die Ludwigsluster über das Absperrband der Polizei. Und erkennen die junge Frau. Lulu Schuster. "Ausgerechnet Lulu".

An dieser Stelle nimmt der ZDF-Film "Mord in Ludwigslust" Fahrt auf. Er hat im Vorspann mit ruhigen Bildern von der nebelverhangenen Lewitz begonnen. Träge steht das Wasser in den Gräben. Ruhig, harmlos. Scheinbar. Was mag sich am Grund verbergen? Welche Geheimnisse?

Jeder kannte Lulu Schuster. Wie die Lulu in Frank Wedekinds Drama "Lulu oder Die Büchse der Pandora" verdrehte sie als Femme fatale Männern wie Frauen den Kopf. Viele hätten ein Motiv für den Mord. Alle haben Angst. Jeder kennt jeden. Weiß oder ahnt um die dunklen Geheimnisse des Nachbarn. Die berühmte Mauer des Schweigens. In dieser abgeschlossenen Welt versucht nun Sophia Eichstätt (Anja Kling) vom Landeskriminalamt Kiel gemeinsam mit ihrem Schweriner Kollegen Mark Condor (Mark Waschke) und der Ludwigsluster Mordkommission zu ermitteln. Was Sophia anfangs nicht weiß: Mark verbindet mit Lulu ein 20 Jahre zurückliegendes Geheimnis und ein leidenschaftliches Verhältnis jüngeren Datums.

Während die LKA-Analytikerin glaubt, mit Hilfe eines Computerprogramms auf eine ungeklärte überregionale Mordserie gestoßen zu sein, tappt sie im Laufe der Ermittlungen Schritt für Schritt in die Stolperfallen, die die jüngere deutsche Geschichte so großzügig in blühenden Landschaften und verbrannter Erde vergraben hat. Russenerbe und Treuhandpfusch, die neuen Reichen und die alten Lasten, seelische Verletzungen aller Art und nicht zuletzt die Spielarten der Leidenschaft - dieser ZDF-"Fernsehfilm der Woche" heute Abend hat es in sich.

Er bleibt durchweg spannend und holt diese Spannung nicht aus vordergründigen Actionszenen und rasanten Schnittfolgen, sondern arbeitet wie die Erinnerung mit Rückblenden.

Regisseur Thomas Kirchner, ein ausgewiesener Spezialist für dieses Genre, der auch schon einen Schweriner Steimle-"Polizeiruf" inszenierte oder preisgekrönte Spreewaldkrimis, konnte mit hervorragenden Darstellern auch in kleineren Rollen arbeiten: u.a. Volkmar Kleinert, Ina Weiss, Peter Prager oder Clemens Schick. Und er hatte mit Anja Kling und Mark Waschke zwei prägnante Ermittler, zwischen denen es im Spiel geradezu knistert, deren Blicke beredter sind als ganze Dialoge.

Die Schauspielerin Anja Kling schwärmt nicht gerade von den Dreharbeiten im Herbst 2010. "Es war trübe und kalt, alle im Team haben gefroren." Von Ludwigslust hat sie vor allem die Drehorte gesehen. "Aber wir haben fast überall gedreht."

Anja Klings Kollege Mark Waschke kannte Ludwigslust bereits, jedenfalls den Bahnhof, wenn sein Zug auf der Strecke Hamburg-Berlin dort hielt. Er wollte immer schon mal wissen, was sich wohl hinter dem Bahnhof verberge. Nun war er während des Drehs, wie er sagt, auf dem "Planeten Ludwigslust" gelandet - "eine kleine, gediegene und in sich geschlossene Welt, scheinbar verlassen und zugleich idyllisch". "Das hat unserer Geschichte mit ihren Figuren, die alle in großer Not sind und zugleich einen kleinen Riss in der Schüssel haben, sehr gut getan."

Für Thomas Kirchner, der das Drehbuch zu "Mord in Ludwigslust" schrieb, ist der Film eine Novelle, nur dass sich der Auslöser von allem erst am Ende offenbart. Über den Krimi hinaus wollte der 1961 in Ostberlin geborene Kirchner, der Ludwigslust aus seiner NVA-Zeit kennt, eine Art gesellschaftlicher Bestandsaufnahme der vergangenen 20 Jahre versuchen. Wo bin ich angekommen, wie ist mein Leben verlaufen, wie das meiner Nachbarn? "Hoffentlich öffnet der Film einige Türen, um mehr zu erzählen von der Zeit, als dieses Land nach der Überwindung der Teilung wurde, was es heute ist."

Regisseur Kai Wessel erklärt sich die Welle der Regionalkrimis in der letzten Zeit, in Literatur und Film, mit der komplizierter gewordenen Welt, die auf jeden einstürzt. Im Gegensatz zu gestylten Großstadt-Krimis wie "CSI Miami" seien Geschichten, die an der Ostsee oder in der Eifel spielten, nicht so abgehoben, geerdeter. Dort herrschten andere Wichtigkeiten, andere Geschwindigkeiten, andere archaische Geheimnisse.

Was für einen Krimi nicht von Nachteil ist. Vielleicht wird das Ermittlerpaar Eichstätt-Condor ja zu einer festen Größe im deutschen Fernsehen. Vertragen könnte der Norden neben dem Rostocker "Polizeiruf", der "Soko Wismar" und der "Stralsund"-Reihe mit Katharina Wackernagel durchaus eine weitere Krimi-Serie. Anja Kling und Mark Waschke sind von dieser Idee natürlich ebenso begeistert wie Regisseur Wessel. Krimi-Planet-Lulu als Folie und Spiegel deutscher Wirklichkeit. Ausgerechnet.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen