Schloss Güstrow : Aus „Höger up“ wird „Kniesenack“

Das Güstrower Schloss ist einer der Schauplätze der Oper.
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Das Güstrower Schloss ist einer der Schauplätze der Oper.

Das Güstrower Schloss ist einer der Schauplätze der ersten Komischen Oper Mecklenburgs

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29. September 2017, 08:00 Uhr

Es gibt sie, die erste mecklenburgische Oper und sie endet nicht tragisch wie die Mehrzahl dieses musikalischen Genres, sondern fröhlich und ausgelassen mit einer Hochzeit in der Güstrower Pfarrkirche. Es ist eine Komische Oper mit einem Schauplatz im Herzen des Landes und geschaffen von Güstrower und Rostocker Künstlern in der schweren Zeit vor und im Zweiten Weltkrieg.

Ihren Stoff fanden die Librettisten Bruno Pinow und Peter Andreas in der märchenhaften Erzählung „Höger up“ von John Brinckman, dem bedeutenden niederdeutschen Schriftsteller neben Fritz Reuter und Klaus Groth. John Brinckman, gebürtiger Rostocker, verbrachte die letzten 21 Jahre seines Lebens als angesehener Lehrer und Bürger in Güstrow.

Die Textdichter verweilen nicht beim Niederdeutschen, sie versetzen ihr Libretto „Höher hinauf“ ins Hochdeutsche, lassen es Anfang des 19. Jahrhunderts mit Ausflügen ins Märchen- und Possenhafte und ändern nichts an den von Brinckman konzipierten Schauplätzen der Dörfer Klues und Priemerburg, dem Güstrower Marktplatz, der Mühlen-, Holl- und Gleviner Straße, dem Gleviner Tor und dem Schloss.

Die Musik komponiert der Rostocker Carlfriedrich Pistor. Er ist Kammermusiker, Mitglied des Städtischen Orchesters und Maler. Von dem Textbuch, das ihm mit verschiedenen Titeln wie „Des Herzogs Hexenschuss“, „Der Findeljunker“ und „Kniesenack“ vorgelegt wird, ist er vom letzten sehr angetan, verweist es doch auf das alte Güstrower Starkbier, das in ganz Mecklenburg beliebte .„Kniesenack“. Es klingt nach sprudelnden Tonfolgen, schäumender Lebensfreude in der Musik und klopfenden Rhythmen wie von übermütig feiernden Menschen an Tischen aus Eichenbohlen.

In drei Akten bringen 17 Personen den Aufstieg des Findelkindes Achim „dor achter de Klues un den Primer bi Stadt Güstrow in ol Land Meckelborg“ aus der Brinckmanschen Erzählung auf die Bühne. „Hoch hinaus“ will Achim. Das ist „sein Feldgeschrei“, seine Lebensmaxime. Daran hält er als Landsknecht im „Lübschen“ mit Fleiß und Ehrgeiz fest. Als er zurückkehrt, verlässt er sich nicht allein auf die Weissagungen der Zigeunerin. Weiß er sich doch mit schlauem Witz auf dem Marktplatz vor dem Güstrower Rathaus und in der großen Runde mit Handwerkern im Wirtshaus bei Tonkrügen voll Kniesenacker Bier durchzusetzen: Er verkündet, dem übergewichtigen Herzog, der nur noch liegend regieren kann, zu helfen. Die Nachricht bleibt nicht ungehört und in Windeseile überbringen gleich zwei Läufer sie dem Schlossherrn und seinem Leibarzt. Eines jedoch hält Achim zurück: Dass er sich in die Ratsherrntochter Marie Klevenow verliebt hat und nur sie heiraten wird.

Im 2. Akt singt Achim, vom Vorhof kommend, bis in den Festsaal des Güstrower Schlosses hinein und es gelingt ihm, überzeugend darzustellen, wodurch der Herzog gesund würde: Wenn er unverzüglich seine Bratenmahlzeiten verringere und seinen Durst mit weniger als den bisherigen Hektolitern von „Kniesenack“ lösche. Im weiteren Verlauf steigt Achim auf. Er wird zum „Junker von Voss“ geadelt, erhält ein Gut vom genesenden Herzog zum Tausch des Dorfes, das sie dem Ratsherrn Klevenow als Brautgabe abluchsen, wenn Achim die Ratsherrntochter gewinnt.

Im 3. Akt endlich wagt Achim es, im Garten des Ratsherrn Klevenow Marie um ihre Hand zu bitten. Sie sagt zu; und mit dem Einzug der Hochzeitsgesellschaft endet das Werk. Es ist mit der Bindung zur lokalen Tradition und dem verschmitzten, hintergründigen Humor typisch mecklenburgisch und umwerfend komisch. Das bestätigen die Rezensionen nach der Uraufführung im Staatstheater Schwerin am 23. Oktober 1940 unter der Leitung des Dirigenten Hans Gahlenbeck. Lobend wurde die interessante Instrumentation erwähnt, die der Komponist Carlfriedrich Pistor in die Partitur setzte. Sein „Kniesenacklied“ erhielt auf offener Szene langanhaltenden Beifall. Kriegsbedingt waren dem Werk nur vier Aufführungen beschieden. Ende 1940/41 hatte das Publikum andere Sorgen, als den Szenen einer komischen Oper zu folgen. Sie wurde nicht wieder aufgeführt, ihre Partitur bei einem Brand vernichtet.

Etwas jedoch ist geblieben:
Das Landeshauptarchiv in Schwerin verwahrt einen Klavierauszug und das Textbuch unter der Signatur 1115, „Kniesenack“, 1. Komische Oper Mecklenburgs.

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