Schmuck-Design : Aus dem „Silber“ der Meere

Ramona Stelzer schlägt in ihrer Werkstatt ein Stück aus farbigem Fischleder und verziert damit Silberschmuck.
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Ramona Stelzer schlägt in ihrer Werkstatt ein Stück aus farbigem Fischleder und verziert damit Silberschmuck.

Recycling der besonderen Art: Aus Abfällen der Fischverarbeitung zaubert eine Mecklenburger Designerin Schmuck

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11. November 2014, 11:57 Uhr

Barbe im Ohr und schillernden Rochen am Hals: Die Wismarer Künstlerin Ramona Stelzer schmückt sich und andere gern mit Fisch. Vor einem Jahr beendete die gebürtige Schwäbin und gelernte Goldschmiedin ihr Studium an der Fachhochschule der mecklenburgischen Hansestadt und machte sich als Schmuckdesignerin selbstständig.

Den materiellen Grundstock ihres Ein-Frau-Unternehmens bildet das Ergebnis ihrer Diplomarbeit – ein fast runder, mit allen Raffinessen ausgestatteter Handwerkstisch. Die eigentliche Geschäftsidee aber kommt aus den Tiefen von Meeren und Binnengewässern. „Beim Studium an der Ostsee bekam ich zum ersten Mal Fischleder vom Seewolf in die Hand – das war Liebe auf den ersten Blick“, sagt die 31-jährige Handwerkerin. Bisher kannte sie Fisch nur vom Teller und hielt die kalte schuppige Haut der Tiere schlicht für Abfall der verarbeitenden Industrie. Doch zu feinstem Leder gegerbt, verwandele sich das Material aus dem Wasser. Es verliere seinen fischigen Geruch, behalte indes seine zarte Weichheit und optisch hochinteressante Schuppenstruktur. Obendrein bekomme es einen schillernden, fast silbrigen Glanz.

„Ein Traum für Künstler“, meint Ramona Stelzer. Schon das sibirische Urvolk der Nanai habe sich in Lachsleder gekleidet, weiß Stelzer. Ein Nachfahre dieses russischen Naturvolkes betreibe heute im Bayerischen Wald ein Fischledermuseum und liefere ihr das selbst bearbeitete Rohmaterial nach Mecklenburg, verrät sie. Neben gegerbten und gefärbten Lachshäuten hängen Stör-, Karpfen-, Rochenleder, die Haut vom Papageienfisch und die vom Tilapia, einem südafrikanischen Buntbarsch, in Stelzers winzigem Atelier in der Wismarer Altstadt. Sie verwende ausschließlich Leder von Speisefischen, die keinen geschützten Arten angehören und meist aus Zuchtanlagen stammen, betont die Kunsthandwerkerin.

Die Häute seien lediglich Reste aus Fischfabriken, sagt sie. Seit einigen Jahren kämen weltweit Designer auf den Geschmack von Fischleder, gefertigt würden daraus Kleidung, Taschen, Schuhe. Doch Schmuck aus dem „Silber“ der Meere sei noch selten und in Europa kaum bekannt, bestätigt Andrea Wippermann, Professorin für Schmuckdesign an der Hochschule Wismar. „Fischleder kann zum Markenzeichen von Ramona Stelzer werden, sie hat damit gute Chancen als Unternehmerin“, meint die Expertin. Das Studium in Wismar ziele darauf, die Absolventen mit echten Innovationen und einzigartigen Geschäftsideen in den Markt zu schicken. „Die jungen Designer müssen Vorreiter ihrer Branche sein und dürfen nicht den Trends der Industrie hinterherlaufen“, weiß Wippermann. Jungunternehmerin Stelzer selbst trägt grün gefärbte Barbe im Ohr. Besonders gern aber verarbeite sie Rochen, meint sie. Das Leder sehe aus, als wäre es mit kleinen Edelsteinen besetzt: Winzige Hornkügelchen auf der Haut verliehen dem Material eine herrlich glänzende Struktur.

Fischleder setzt die Schmuck-Schmiedin großflächig in ihre Gold- und Silberstücke ein. Aus farbigen Häuten stanzt sie passende Stücke aus und klebt diese als Hingucker und auffallende Zierelemente in Ohrstecker und -hänger, Ketten, Ringe, Broschen und Manschettenknöpfe. Für modebewusste Männer gibt es reptilienartiges Störleder sogar als breiten, wuchtigen Armschmuck. Käufer finde sie bundesweit in Galerien und auf Märkten sowie im Internet, sagt Ramona Stelzer. „Nur Vegetarier, die mögen Fisch auf ihrer Haut nicht unbedingt.“

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