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Weißer Ring : Aufschrei gegen häusliche Gewalt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vor allem auf dem Land wird Gewalt in der Familie kaum angezeigt – ein Unding, meint die Opfer-Organisation Weißer Ring

Die Kriminalitätsopfer-Organisation Weißer Ring hat deutlich mehr Anstrengungen gegen häusliche Gewalt und deren Tabuisierung gefordert. Dass 98,4 Prozent aller Fälle in Mecklenburg-Vorpommern von den Betroffenen oder ihrem Umfeld nicht angezeigt werden, müsse zu einem Aufschrei in der Gesellschaft führen, sagte der stellvertretende Landesvorsitzende des Weißen Rings, Manfred Dachner.

Die Zahl hatte das Landeskriminalamt in seiner repräsentativen Dunkelfeldstudie jüngst ermittelt. Dazu waren umfangreiche Fragebögen zum persönlichen Kriminalitätserleben von rund 3170 Einwohnern des Landes ausgewertet worden.

„Wir brauchen eine dauerhafte Kampagne gegen Gewalt analog zu den Kampagnen über die Risiken des Tabakkonsums“, sagte Dachner. Auch seien mehr Beratungsstellen mit kompetentem, einfühlsamem Personal nötig und diese müssten bekannter gemacht werden. „Wir brauchen eine Pflichtaufgabe der Kommunen, Beratungsstellen vorzuhalten“, sagte Dachner. Bisher sei dies freiwillig.

Die Beratungsstellen zum Schutz vor häuslicher und sexualisierter Gewalt in MV haben im vergangenen Jahr rund 3900 Menschen beraten und ihnen Schutz angeboten. Das waren nach Angaben des Sozialministeriums vom März 126 mehr als ein Jahr zuvor. In den landesweit neun Frauenhäusern fanden 2014 rund 600 Frauen und deren Kinder Zuflucht.

Auch Gisela Best von der Landeskoordinierungsstelle zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen in Mecklenburg-Vorpommern fordert, dass die häusliche Gewalt von viel mehr gesellschaftlichen Institutionen als Thema angesprochen wird als bisher. So sollten die Arbeitgeber ihre Verantwortung stärker wahrnehmen, sagte sie. Es sollte Mut gemacht werden, Mitarbeiter anzusprechen, wenn man den Verdacht hat, dass bei ihm oder ihr zu Hause Gewalt ausgeübt wird. „Ein Großteil der Betroffenen sind Beschäftigte“, sagte Best. Aber auch in Schulen, in der Altenpflege oder in Stadtteilzentren müsse an einer Enttabuisierung von häuslicher Gewalt gearbeitet werden.

Viele Opfer versuchten, eine Fassade aufrechtzuerhalten. „Die meisten Menschen wünschen sich eine heile Familie und wollen nicht zugeben, wenn etwas schiefläuft“, sagte Best. Nach ihren Worten ist das Anzeigenverhalten bei häuslicher Gewalt auf dem Land noch zurückhaltender als in der Stadt, wo Nachbarn bei Krach im Mehrfamilienhaus schon mal die Polizei holten.

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