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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 07:43 Uhr

Aufgewacht als Käfer

vom

svz.de von
erstellt am 03.Jul.2013 | 10:10 Uhr

Das muss man sich vorstellen: Morgens wacht man auf und ist auf einmal kein Mensch mehr, sondern ein Käfer, eine Assel oder so was Ähnliches. So genau weiß man es selbst nicht. Denn es gibt keinen Spiegel im Zimmer. Zuerst traut man sich nicht aus dem Bett. Geht nicht zur Arbeit. Die eigene Familie ist völlig entsetzt und der Vater treibt einen mit Schlägen ins Zimmer zurück und sperrt einen ein. Nur die Schwester bringt ab und zu was zu essen und putzt das Zimmer. Mit der Zeit aber nimmt man das neue Aussehen an, beginnt sich immer mehr wie Ungeziefer zu fühlen, geht Wände hoch und klebt an der Decke. Wie in einem Gefängnis verbringt man die Tage. Eine schreckliche Vorstellung.

Ausgedacht hat sie sich ein Mann namens Franz Kafka. Er wurde am 3. Juli, vor 130 Jahren, in Prag geboren. Das ist heute die Hauptstadt von Tschechien, gehörte damals aber noch zu Österreich-Ungarn. Deswegen sprach Kafka mehrere Sprachen. Er selbst sagte: "Deutsch ist meine Muttersprache, aber das Tschechische geht mir zu Herzen." Nach dem Gymnasium studierte Kafka Chemie, Deutsch und Kunstgeschichte. Vor allem aber Jura. Also Rechtswissenschaften. Danach arbeitete er als Sekretär bei einer Versicherung. Weil sein Vater das wollte. Franz fand diese Arbeit schrecklich langweilig. Darum fing er mit dem Schreiben an.

Morgens arbeitete er im Büro, mittags schlief er und nachts schrieb er seine Geschichten. Auch die mit dem riesigen Ungeziefer. Das ist seine bekannteste Erzählung. "Die Verwandlung" ist ihr Titel und sie entstand im Jahr 1912. Gregor Samsa heißt übrigens der Typ in der Geschichte, um den es geht. Und ein bisschen was von sich selbst hat Kafka diesem Käfer eingeschrieben. Auch er fühlte sich fremd in der Welt und wurde nie glücklich. Manchmal glaubte er, er sei unnütz wie Ungeziefer. Das lag an seinem Vater. Der war sehr streng und unterdrückte ihn. Weil der Vater nicht an den Sohn glaubte, glaubte auch der Sohn nicht an sich selbst. Aus seinen Ängsten hat Franz Kafka seine besten Texte gemacht. Ein anderer Roman von ihm, den er nicht zu Ende geschrieben hat, heißt "Der Prozess" (1915).

Auch da fühlt sich jemand beschuldigt und weiß eigentlich gar nicht so recht wieso. Weil Kafka als Kind vom Vater nicht geliebt wurde, konnte er sich selbst nicht lieben und traute sich nichts zu. Die meisten seiner Texte versteckte er in der Schublade. Erst nachdem er 1924 an einer Lungenkrankheit gestorben war, wurden sie von einem Freund veröffentlicht. Gegen den Willen Kafkas. Heute ist er einer der bekanntesten Schriftsteller der Welt.

 

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