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Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 16:21 Uhr

P+S-Werften : Aufarbeitung braucht Zeit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schleppender Neustart nach Pleite der P+S-Werften / Mitarbeiterzahl noch weit unter Vor-Insolvenz-Niveau

Es war ein Paukenschlag mit schwerwiegenden Folgen: Am Morgen des 29. August 2012 zog der damalige Geschäftsführer Rüdiger Fuchs die Notbremse für die angeschlagenen P+S-Werften und beantragte beim Amtsgericht Stralsund die Insolvenz für den größten Wirtschaftsbetrieb in Vorpommern.

Fuchs – nur einen knappen Monat zuvor als Nachfolger von P+S-Werftenchef Dieter Brammertz berufen – konnte das Ruder in der überschuldeten Werftengruppe nicht mehr herumreißen. Arbeiter kämpften mit den Tränen und bangten um sicher geglaubte Arbeitsplätze.

Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) versprachen Unterstützung. Die Bilanz nach zwei Jahren ist ernüchternd: Mehr als drei Viertel der damals rund 1800 Arbeitsplätze gingen verloren – gut bezahlte Industriejobs, die weit über dem Lohnniveau in der durch Wirtschaftsschwäche und Dumpinglöhne gezeichneten Region lagen.

Auf der Peene-Werft in Wolgast, die im Mai 2013 von der Bremer Lürssen-Gruppe übernommen wurde, sind aktuell rund 300 Mitarbeiter und 40 Azubis beschäftigt. Auf der Volkswerft in Stralsund – heute zur Nordic-Gruppe des russischen Eigners Witali Jussufow gehörend – arbeiten 100. „Aus Sicht der ehemaligen Beschäftigten ist diese Bilanz sicher kritisch“, sagt IG-Metaller Guido Fröschke. Doch mit Kritik an den niedrigen Beschäftigungszahlen in Stralsund hält sich der Gewerkschafter angesichts des noch im Frühjahr 2014 drohenden Werften-Aus zurück. Man müsse dem neuen Eigner Zeit geben.

Dem Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann, der durch neuverhandelte Altaufträge Zeit für den Bieterprozess gewann, bescheinigt die Gewerkschaft einen guten Job. „Mit Brinkmann war ein Profi am Werk. Er war die richtige Wahl“, sagt Fröschke.

Als Erfolg werten Brinkmann und Gewerkschaft unisono, dass alle Ausbildungsverträge über die Insolvenz gerettet werden konnten. Die Insolvenzverwaltung war nach der Pleite mit Gläubigerforderungen in Höhe von einer Milliarde Euro konfrontiert, von denen bislang 583 Millionen anerkannt wurden. Über 301 Millionen werde noch verhandelt, sagt Brinkmann. „Wir gehen davon aus, dass rund 20 Millionen Euro aus dem Masseverkauf erwirtschaftet werden.“

Nach dem Werftenverkauf – 17 Millionen Euro für Wolgast, 5 für Stralsund – sollen drei Immobilien aus der P+S-Masse versteigert werden: das markante Volkswerft-Hochhaus wird am 6. September für ein Mindestgebot von 19 000 Euro zum Verkauf angeboten. Die Abrisskosten für das marode Gebäude schätzen Gutachter auf 4 Millionen Euro.

Der Verkauf steht unter Vorbehalt des Gläubigerausschusses. Unter den Hammer kommen zudem das Ex-Gästehaus der Wolgaster Peene-Werft zu einem Mindestgebot von 95 000 Euro sowie Ferienimmobilien der Werften auf Usedom.

Gewerkschafter Fröschke sieht mittelfristig ein Potenzial von 400 Arbeitsplätzen in Wolgast und 700 bis 1000 auf der Volkswerft in Stralsund. Mit der Entwicklung auf der Peene-Werft ist die Gewerkschaft zufrieden.

Die Lürssen-Gruppe will 2015 mit dem Bau von Küstenschutzbooten für die saudi-arabische Küstenwache beginnen. Vor allem Wolgast solle mit dem Auftrag gestärkt werden, sagt ein Lürssen-Sprecher. „Wichtig ist, dass sich die politische Situation mit Russland beruhigt“, sagt Fröschke. Russland werde keine Aufträge an die Werften geben, solange der „Wirtschaftsboykott“ anhalte. Hinzu kommt: Ein erhoffter Auftrag für den spanischen Energiekonzern Iberdrola, der vor Rügen einen Windpark plant, bleibt voraussichtlich im Mittelmeerland. 

Ein Schlussstrich unter die P+S-Pleite ist nach zwei Jahren nicht in Sicht: Seit 2013 ermittelt die Rostocker Staatsanwaltschaft wegen des Anfangsverdachts der Insolvenzverschleppung gegen frühere Geschäftsführer. Ob Anklage erhoben wird, ist offen.

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