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Smartphone-Nutzer : Auf Schritt und Tritt beschäftigt

vom
Aus der Onlineredaktion

Wissenschaftler der Universität Rostock untersuchen Mediennutzungsverhalten in so genannten Wartezeiten

Die Verabredung kommt fünf Minuten später, die Schlange an der Kasse ist meterlang und die Fahrt mit dem Zug will einfach nicht enden – die Zeiger an der Uhr bewegen sich nur sehr langsam. Doch zum Glück gibt es das Smartphone: Mal eben kurz die Mails checken, mit den Freunden über WhatsApp kommunizieren oder einfach den Newsfeed bei Facebook durchscrollen und die Langeweile ist passé. „Was genau machen wir eigentlich in den Zeitspannen, in denen wir früher angeblich nichts gemacht haben? Geht es nur darum, uns die Zeit zu vertreiben?“ Stephan Görland vom Institut für Medienforschung an der Universität Rostock promoviert zu genau diesen Fragen. Auf das Thema kam er während er im Flieger saß – und wartete: „Auf einem Transatlantikflug konnte ich beobachten, wie meine Sitznachbarin mit ihrem Smartphone spielte, obwohl es kein Wlan an Bord gab. Sie löschte Nachrichten und sortierte Bilder“, erzählt Görland. „Die Zeit, in der wir mit Warten beschäftigt sind, wird als tote oder leere Zeit bezeichnet. Allerdings besteht die These, dass diese unproduktive Zeit durch das Mobiltelefon wieder produktiv gemacht wird“, erklärt der Wissenschaftler. Wartezeit zu definieren, sei gar unmöglich. „Alles und nichts ist Wartezeit“, sagt Görland und verweist darauf, dass der meist gemeldete Iphone-Schaden in den USA der Wasserschaden durch einen Sturzflug des Telefons in die Toilette sei. „Wir nutzen das Handy also auch auf Klo.“

Generell würden Smartphone-Nutzer ihr Telefon im Durchschnitt 88 Mal täglich einschalten, wovon bei 53 Mal eine anschließende Interaktion ausgeht. Zu diesem Ergebnis kam bereits Alexander Markowetz, Forscher der Universität Bonn, der 2015 die Auswertung der Handy-Nutzung von 60000 Personen veröffentlichte. Markowetz stellte fest, dass die Untersuchungsteilnehmer rund 35 Minuten mit WhatsApp, 15 Minuten mit Facebook und fünf Minuten mit Instagram beschäftigt waren.

Stephan Görland analysierte für seine Doktorarbeit knapp 2900 ausgefüllte Fragebögen. Dabei habe er sich ausschließlich auf Reisezeiten gestürzt, auch weil er selbst zwischen Rostock und Berlin hin- und herpendelt. „Beim Pendeln habe ich immer Seminararbeiten korrigiert“, so der Wissenschaftler. Dass sich Menschen für Leerzeiten bewusst Beschäftigung suchen, sei nicht ungewöhnlich. Etwa ein Drittel der durch Görland befragten Personen, hätten angegeben, ein Nichtstun damit aktiv zu umgehen. „Kritiker sagen, dass wir das Nichtstun brauchen, um überhaupt noch kreativ sein zu können. Dabei gehörte das Überbrücken von Wartezeit schon immer dazu. Damals war es das Zeitunglesen, heute ist es die Smartphonenutzung“, erläutert Görland. Letztere habe sich in den vergangenen Jahren hochgradig ritualisiert und verstärke sich in Leerzeiten. „70 Prozent des Mediennutzungsverhaltens ist abhängig von der Situation, in der wir uns befinden, nur 30 Prozent von dem Mediennutzer selbst“, resümiert Görland. Ein Großteil der Nutzer kommuniziert mit dem Telefon, andere nutzen die Wartezeiten, um Alltagsprozesse wie Verabredungen zu koordinieren, wieder andere hören einfach nur Musik oder beschäftigen sich durch Spielen. „75 Prozent fühlen sich einfach wohler, wenn sie ihr Handy dabei haben“, weiß Görland. Kritische Analysen wie die Microsoft-Studie aus dem Jahr 2015, die Goldfischen eine größere Aufmerksamkeitsspanne als permanenten Smartphone-Nutzern attestierte, begegnet der 33-Jährige mit einem Lächeln. „Immer wenn Medien eingeführt werden, entstehen Paniktheorien. Das war beim Radio so und beim Fernsehen ebenfalls. Durch Smartphones sind wir nicht verloren, aber natürlich sollten wir auf unseren Konsum achten.“ Görland selbst lässt sein Smartphone zu Hause, wenn er ins Büro geht und zwingt sich mit einer Self Control App zum konzentrierten Arbeiten. „Die blockiert in definierten Zeiträumen ausgewählte Webseiten wie Youtube, mit denen ich mich sonst gut ablenken kann.“

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erstellt am 19.Mai.2017 | 12:00 Uhr

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