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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 03:06 Uhr

Auf langen Wegen in die Schule

vom

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erstellt am 21.Feb.2012 | 09:10 Uhr

Waren | Schon vor der Dämmerung stehen die Kinder an der Haltestelle in Hohen Wangelin und treten von einem Fuß auf den anderen. Wie jeden Morgen machen sie sich wie zahlreiche andere Kinder in Mecklenburg-Vorpommern auf einen endlos erscheinenden Schulweg. Der kürzeste Weg zum Gymnasium in Waren verläuft über Neu Gaarz und ist 25 Kilometer lang. Das wäre in etwa einer halben Stunde zu schaffen. Doch der Bus um 6.38 Uhr fährt im großen Bogen und sammelt unterwegs in den Dörfern die Schulkinder ein. Erst in Vollrathsruhe, dann in Klocksin. In Moltzow steigen die Grundschüler wieder aus. Wer zum Gymnasium nach Waren muss, hat noch nicht einmal den halben Weg geschafft. Weiter geht’s nach Grabowhöfe. Dann fährt der Bus einen Abstecher nach Jabel und zurück nach Schwenzin. Kurz vor dem Ziel steigen Mädchen und Jungen aus Grabowhöfe zu. Um 7.40 Uhr und nach rund 46 Kilometer können die Gymnasiasten aus Hohen Wangelin an der Sparkasse in Waren aussteigen. Wenn die erste Stunde um punkt acht Uhr beginnt, sind sie schon mehr als zwei Stunden auf den Beinen.

Die Fahrt zurück dauert ebenfalls eine Stunde. Um kurz vor vier Uhr nachmittags hält der Bus wieder in Hohen Wangelin. Mehr als 60 Minuten sollte die Schulbusfahrt für Schüler der Sekundarstufen I und II nicht dauern, besagt eine Verordnung des Bildungsministeriums. Grundschüler sollen spätestens nach 40 Minuten Busfahrt in der Schule ankommen. Der Fußweg zwischen Haltestelle und ihrem Zuhause verlängert den Schulweg gegebenenfalls um ein weiteres Viertelstündchen.

Der lange Weg nach Hohen Wangelin betreffe nur "ein oder zwei Schüler", sagt Sigrid Leder vom Personenverkehr Müritz (PVM). "Die meisten Kinder gehen zur Kooperativen Gesamtschule in Malchow." Dorthin braucht der Bus nur eine halbe Stunde. So beeinflusst der Schulweg möglicherweise die Auswahl der Schule. Denn Eltern müssen bedenken, was sie ihren Kindern zumuten können.

Mehr als 11 000 Schüler muss zum Beispiel der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte täglich befördern. Knapp 8,7 Millionen Euro wird dies 2012 kosten, sagt Dirk Rautmann von der Kreisverwaltung. Abfahrtzeiten vor 6.30 Uhr seien nicht die Regel, aber in einem dünn besiedelten Land nicht in jedem Fall zu vermeiden.

Sigrid Leder macht es sich - wie ihre Kollegen der anderen Busunternehmen im Land - nicht leicht, wenn sie die Routen und Abfahrtszeiten plant. Um Waren herum organisiert ihr Unternehmen die Schülerbeförderung für 2700 Kinder - wobei die Busse nicht allein für die Schüler fahren, sondern für jeden, der mitfahren will. Allerdings werden einige Strecken in Ferienzeiten gar nicht bedient. Kaum eine Straße führt geradewegs zur Schule. Wälder, Seen und Felder müssen umkurvt werden. Auf dem Weg zur Regionalen Schule oder zum Gymnasium müssen die Grundschüler in ihren Schulen abgeliefert und nachmittags wieder abgeholt werden. Von einigen Gehöften werden die Mädchen und Jungen inzwischen mit dem Sammeltaxi abgeholt.

Für ganz Mecklenburg-Vorpommern gilt: Schülern der 1. bis 6. Klassen werden bis zu zwei Kilometer Fuß- beziehungsweise Radweg zur Schule zugemutet. Für ältere Schüler, einschließlich der Fachgymnasiasten und Berufsvorbereitungsschüler, sind vier Kilometer Wegstrecke das Limit, es sei denn, dieser Weg ist für das Kind zu gefährlich. Morgens um sieben soll kein Grundschüler allein durch den Wald laufen müssen, selbst wenn dies der kürzeste Schulweg wäre. Für alle anderen Schüler muss der Schulträger eine Schülerbeförderung organisieren und bezahlen. Fährt kein öffentlicher Bus oder eine Bahn zur Schule, für die Schülerfahrkarten bezahlt werden, muss der Schulträger eigene Fahrzeuge einsetzen oder den Eltern die Fahrtkosten ersetzen, wenn sie zur Schule oder auch nur zur nächsten Bushaltestelle fahren. Derzeit gibt es 25 Cent pro Kilometer.

Allerdings organisieren oder zahlen die Schulträger nur die Fahrten zur "örtlich zuständigen" Schule. Für jedes Dorf und jede Stadt haben die Landkreise festgelegt, welche Grundschule, welche Regionalschule, welches Gymnasium, welche Förderschule und welche Gesamtschule für die Kinder jeweils zuständig sind. Eltern können allerdings die Schule für ihr Kind frei wählen. Schicken sie es auf eine andere als die "örtlich zuständige", egal ob dies eine andere staatliche Schule ist oder aber eine private in freier Trägerschaft, haben sie keinen Anspruch, die Fahrtkosten ersetzt zu bekommen. In einigen Regionen übernehmen die Schulträger jedoch die Kosten für Teilstrecken. Andererseits zahlt der Staat die Fahrtkosten zu den Spezialgymnasien für Sport und Musik und jene mit Förderklassen für Hochbegabte, wenn das Kind an diesem Spezial-Unterricht teilnimmt. Für Supersportler zahlt er gegebenenfalls sogar die Fahrt ins Leistungszentrum mit Internat in einem anderen Bundesland.

Seit der Kreisgebietsreform können auch die Schüler in den einst kreisfreien Städten Neubrandenburg, Wismar, Stralsund und Greifswald ihre Fahrtkosten zur Schule erstattet bekommen, wenn sie mehr als zwei beziehungsweise vier Kilometer von ihrer Schule entfernt wohnen. Nur in den kreisfreien Städten Schwerin und Rostock müssen die Schüler auf eigene Kosten zum Unterricht kommen. Der Landeselternrat findet das ungerecht und forderte inzwischen von Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) für Gleichbehandlung zu sorgen.

Wenn Schüler des Gymnasiums in Waren erst um 15.20 Uhr Unterrichtsschluss haben und zurück nach Hohen Wangelin müssen, werden sie übrigens mit dem Sammeltaxi gefahren. Das ist dann deutlich schneller als der Schulbus.

Übersicht:

> Der Landkreistag schätzt, dass die Landkreise für rund 70 000 Schüler in MV die Fahrkarten bezahlen, damit diese per Bus, Bahn oder im Ausnahmefall per Taxi zur Schule kommen können. Rostock und Schwerin hingegen übernehmen die Schulwegkosten in der Regel nicht.

> Bis zur sechsten Klasse sind den Schülern bis zu zwei Kilometer Fuß- oder Radweg zuzumuten. Ältere Schüler müssen bis zu vier Kilometer Wegstrecke allein bewältigen. Ausnahme: Dieser Fuß- oder Radweg ist zu gefährlich.

> Die Landkreise müssen auch die Bus- und Bahntickets für Schüler der 11., 12. oder 13. Klasse sowie für Schüler im Berufsgrundbildungsjahr und einige Berufsschüler bezahlen.

> Wer nicht zu seiner „örtlich zuständigen“ Schule geht (zum Beispiel zu einer Privatschule), hat keinen Anspruch, Bus- oder Bahnkarten ersetzt zu bekommen. Teilweise können die Schüler den Schulbus kostenlos benutzen, soweit er in dieselbe Richtung fährt.


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