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Mecklenburg-Vorpommern

21. September 2017 | 07:15 Uhr

Auf keine Zigarette mit Helmut Schmidt

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erstellt am 17.Jun.2013 | 09:53 Uhr

Hamburg/Bremen | 1986 war es, als Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt sich für sein offizielles Porträt für die Galerie im Kanzleramt ausgerechnet den Maler Bernhard Heisig aussuchte - einen Künslter aus der DDR. Seitdem hat der Altbundeskanzler sich nicht mehr malen lassen.

Helmut Schmidt, Bundeskanzler von 1974 bis 1982 und bis heute als scharfer Debattenredner, harter Krisenmanager und kenntnisreicher Weltökonom verehrt, ist heute Zeitungsherausgeber und Autor - und ein Kunst-Mensch. Der SPD-Politiker liebt die klassische Musik, hat selbst Konzerte eingespielt, im gleichen Studio Abbey Road wie einst die Beatles übrigens. Und Schmidt schätzt die Malerei. Während seiner Amtszeit als Bundeskanzler ließ er das Schild "Bundeskanzler" an seiner Bürotür gegen die Beschriftung "Nolde-Zimmer" austauschen, da er mehrere Werke des Malers im Büro aufgehängt hatte. "Der Expressionismus - das ist die Epoche, in der Helmut Schmidt zu Hause ist und die er auch sammelt", sagt Manfred W. Jürgens.

Auch Jürgens ist Maler, auch er stammt aus der DDR. Seine erste Ausstellung hatte er in Wismar - mit den "Hurenbildern". Fast 30 Jahre nach Heisig durfte Jürgens nun ein Porträt von Helmut Schmidt malen - obwohl der Altkanzler immer wieder betont hatte, er habe keinen weiteren Bedarf an Bildern von sich. "Ich habe es dann aber doch geschafft", sagt Jürgens, und ein bisschen ist ihm der Stolz darüber anzuhören.

Die erste Begegnung mit Helmut Schmidt kam für Manfred W. Jürgens ganz zufällig zustande. Als ein befreundeter Künstler im "Zeit"-Gebäude in Hamburg ausstellte, besuchte er die Vernissage und begegnete auf einem Flur ihm - Helmut Schmidt. "Was für eine charismatische Erscheinung", sagt Jürgens heute noch zu diesem ersten Eindruck. Obwohl - eigentlich war es die zweite Begegnung. Dazu später…

"Darf ich Sie malen?", so einfach kann man einem Schmidt natürlich nicht kommen. Aber als er mit seiner Frau deren neuen Job als Professorin in Hamburg mit Freunden auf St. Pauli gefeiert habe und ein Redakteur von der "Zeit" aus dem Kreis im Morgengrauen in die Runde fragte "Sagt mal, morgen haben wir ein Interview mit Schmidt - habt ihr noch eine Idee, was man den fragen könnte?", erzählt Manfred W. Jürgens, da habe er einfach gesagt: "Frag ihn, ob er sich von mir malen lassen will."

Es brauchte dann einige Hartnäckigkeit. Aber im April 2012 hatte Manfred W. Jürgens dann einen Termin. Bei ihm, dem Altkanzler, dem Zeugen eines Jahrhunderts. Ein bisschen geprüft habe er sich schon gefühlt, sagt Jürgens, eine Art Examen sei das gewesen: "Wir haben über Giacometti geredet und über den Expressionismus, auch über El Greco und Rosemarie Wilcken." Ein italienischer moderner Bildhauer, der griechisch-spanische Maler der Spätrenaissance und Vorbote des Expressionismus und die ehemalige Bürgermeisterin von Wismar… "Schmidt ist eben unglaublich neugierig, gebildet und musisch", sagt Jürgens. Und die Sturheit des Altkanzlers ist legendär. Er brauche kein Denkmal von sich, das habe Schmidt ihm zum Thema Porträt erstmal verkündet, erzählt Jürgens. Aber: "Ich liebe das, wenn es ein bisschen Kampf ist", sagt er zu dem Prozess, bei dem sich Maler und Modell aufeinander einlassen, sich einander öffnen müssen. Sein Eindruck sei gewesen, dass Schmidt gar kein Problem mit Widerspruch und anderen Meinungen habe, jedenfalls weniger als mit andauernder Zustimmung und Lobgehudel. Jürgens: "Schleimerei lehnt er ab. Ich habe erstmal nix gesagt, ihm ohne zu blinzeln in die Augen geguckt - da war alles gut." Erst recht, als sich der Maler und sein Modell über das Thema Arbeit unterhielten. Helmut Schmidt hat das offizielle Rentenalter seit rund 30 Jahren hinter sich - und ist immer noch als Herausgeber der "Zeit " in seinem Büro präsent. "Er hat drei Sekretärinnen dort und zwei in Berlin, die hält er alle gut auf Trab", sagt Jürgens. In Sachen Arbeitsethos sei er mit dem Altkanzler durchaus auf einer Wellenlänge: "Ich will auch malen, bis ich vor der Staffelei umkippe, habe ich ihm gesagt. Das fand er gut."

Jürgens erzählte Schmidt auch von der ersten Begegnung, von der der damalige Kanzler nichts mitbekommen haben dürfte: "1981, bei Schmidts legendärem Besuch bei Honecker in Güstrow. Damals war ich bei der Transportpolizei und habe die Silhouette des Kanzlers im Zugabteil gesehen."

Angefangen hat Manfred Wilfried Jürgens als Seemann. Auf dem Schulschiff "Georg Büchner" - jüngst auf ihrer letzten Reise zum Abwracker gesunken - lernte er das Matrosenhandwerk. Aber da sei immer die Sehnsucht nach der Kunst gewesen, erzählt er heute: "Als ich fünf Jahre alt war, war ich das erste Mal in der Galerie Alte Meister in Dresden." Starken Eindruck habe das gemacht, "ich habe damals gesagt: Wenn ich groß bin, male ich auch den König."

Das hat bisher noch nicht geklappt. Aber Helmut Schmidt, mehr geht ja eigentlich sowieso kaum. Es ist erst das dritte von Schmidt autorisierte Porträt überhaupt. Vor Bernhard Heisigs offiziellem Kanzler-Konterfei gab es noch ein Bild aus Schmidts Zeit als Hamburger Innensenator - das hat der Altkanzler seinem aktuellen Porträtisten verraten. "Das Bild findet Schmidt aber grauenvoll, er hat erzählt, es dürfe frühestens zwei Jahre nach seinem Tod wieder ausgestellt werden", erzählt Manfred W. Jürgens.

Jürgens’ "Helmut Schmidt im 95. Lebensjahr" ist ganz anders als das berühmte Bild von Heisigs Hand. Auf dem in altmeisterlichem Stil gemalten Tafelbild blickt Helmut Schmidt gelassen und selbstbewusst auf den Betrachter. Er sitzt. "Stehend, nein, das ginge nicht mehr, hat er gesagt", berichtet Jürgens. Mit seinen nahezu 95 Lebensjahren ist Helmut Schmidt heute im Alltag auf einen Rollstuhl angewiesen. Aber als Jürgens und seine Frau dem Altkanzler das fertige Bild im Hamburger "Zeit"-Haus präsentierten, "da ist er für meine Frau aufgestanden", berichtet der Maler.

Jürgens hat den Altkanzler mit zahlreichen Attributen umgeben. Wie auf den Tafelbildern aus der Renaissance und dem Barock ist jedes Detail immer auch Träger einer Aussage.

Oben im Regal steht eine Büste des "Stern"-Gründers Henri Nannen. Es ist der gleichnamige Journalistenpreis, den Schmidt für seine Tätigkeit als Herausgeber und Autor der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" erhalten hat. Hinter Schmidts Haupt, immer noch frisiert wie zu Kanzlerzeiten, steht im Regal die "Encyclopædia Britannica", Symbol für Schmidts umfassende Bildung. "Er hat gesagt, er sei einer der letzten, die so was benutzen. Die jungen Kollegen hätten alle Google", berichtet Jürgens. Vor Schmidt auf dem Tisch liegt ein Bogen aus der "Zeit" und eine englische Tageszeitung, sie steht für die Liebe des 94-Jährigen zum angelsächsischen Kulturraum und zur englischen Sprache.

Schmidts linke Hand hält einen Krückstock - zuallererst Sinnbild des Alters, aber auf der zweiten Ebene auch eine Art "Steuerknüppel" und in der Bildsprache des Barock das Attribut eines Feldherren und ein Kommandozeichen.

Es fehlen der Aschenbecher und die Zigaretten. Ausgerechnet, wo Schmidt doch der Raucher der Nation ist und selbst bei Fernsehauftritten zur Zigarette greift. Heisig malte Schmidt 1986 mit glimmender Zigarette in der Hand. Und nun? "Er wollte nicht mit Zigarette gemalt werden", sagt Manfred W. Jürgens. Warum auch, schließlich habe der Altkanzler während der mehrstündigen Porträtsitzung nicht geraucht.

Als Manfred W. Jürgens dann vor wenigen Wochen und rund ein Jahr nach der Porträt-Sitzung wieder in Schmidts Büro vorsprach, diesmal mit dem fertigen Bild im Gepäck, da standen Aschenbecher, Zigaretten und Schnupftabak parat. "Er war schon ein bisschen aufgeregt." Aber offenbar zufrieden. Schmidt habe mit dem Kopf gewackelt, vor sich hin gepfiffen und gescherzt: "Der Typ auf dem Bild ist jünger als ich." Schmidt lobe ja nie, habe er gehört, erzählt der Maler. Aber wenn der Altkanzler nicht meckere, kein "Unfug" oder ähnlich Vernichtendes äußere - das sei schon Anerkennung genug.

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