Auf in den "Tatort"-Ring

<fettakgl>Ein bisschen Rächer-Figur: Kommissar Nick Tschiller</fettakgl> (Til Schweiger) langt gerne mal hin, wenn es gegen das organisierte Verbrechen geht. <foto>NDR/Marion von der Mehden</foto>
Ein bisschen Rächer-Figur: Kommissar Nick Tschiller (Til Schweiger) langt gerne mal hin, wenn es gegen das organisierte Verbrechen geht. NDR/Marion von der Mehden

svz.de von
08. März 2013, 09:09 Uhr

Hamburg | Die ersten Minuten machen klar, wohin die Reise geht: Als Nick Tschiller bringt Til Schweiger gleich in den ersten Minuten seines Debüt-Falles "Willkommen in Hamburg" als "Tatort"-Kommissar drei Gangster zur Strecke, darunter auch einen, den Box-Weltmeister Arthur Abraham spielt. Dieser brutale Ringkampf auf Leben und Tod in den ersten Minuten erinnert an die Szene, in der sich Daniel Craig in "Casino Royale" als James Bond seinen Doppelnull-Status verdienen muss.

Nein, Tschiller chillt nicht. Er geht zur Sache. Es ist ein harter Action-Film, den Autor Christoph Darnstädt und Regisseur Christian Alvart da mit Schweiger angerichtet haben. "So einem Polizisten wie Nick Tschiller will ich in Wirklichkeit nicht begegnen. Im Film schon", sagt Darnstädt. Es sei eben Fiktion - und das Entwickeln des Stoffes habe Spaß gemacht: "Hier war es klar, für wen ich schreibe, da gingen die Zuordnung und das Charakterbild der Hauptfigur noch präziser von der Hand. Die Zusammenarbeit mit Til Schweiger war völlig unproblematisch."

Die "Tatort"-Verpflichtung von Til Schweiger, der als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller mit seinen Komödien an den deutschen Kinokassen in einer Liga mit großen Hollywood-Produktionen spielt, war seit der Bekanntgabe der Personalie Ende 2011 ein Dauer-Aufreger in der deutschen Medienlandschaft. Auch, weil sich Schweiger gleich mit den Traditionshütern der Krimiserie anlegte: Der Vorspann sei "outdated", ließ er wissen, die einzelnen Filme seien unterfinanziert. Gerüchte über exorbitante Gagen für den Kinostar machten die Runde und darüber, dass er auch beim "Tatort" offenbar so frei schalten und walten durfte wie bei seinen eigenen Produktionen.

Dabei war Schweiger ausnahmsweise nur Hauptdarsteller, wenn auch mit starkem Einfluss auf die Entwicklung seiner Figur. Regie habe er gar nicht führen wollen, sagte er in einem Interview, weil er mit so kleinen Budgets nicht umzugehen gewohnt sei. Also sei er sozusagen ins Glied getreten. "Til war sehr respektvoll und in jeder Hinsicht kooperativ", betont Regisseur Alvart.

In "Willkommen in Hamburg" geht es um das organisierte Verbrechen, um Zwangsprostitution und um die Korruption staatlicher Organe. Diese pessimistische Weltsicht hat der neue "Tatort", wie auch seine teils düstere Bildsprache, mit skandinavischen Produktionen gemein. "Til hat’s angekündigt, wir buddeln nich’ in Blankenese im Garten nach dem Pudel der Millionärsgattin. Wir schlagen uns lieber mit den dicken Fischen herum", sagt Co-Star Fahri Yardim.

Aber ganz so skandinavisch düster ist der neue "Tatort" dann nicht. "Neben diesem ernsten Thema wollten wir vor allem auch aufs Entertainment abzielen. Action sollte rein, eine Prise Humor. Der Zuschauer soll sich keine Minute langweilen", sagt Christian Alvart. Ein reines Solo sei das auch nicht für Schweiger, schließlich gebe es noch Tschillers Partner Yalcin Gümer (Fahri Yardim). "Der ist eine immens wichtige Figur", betont auch Drehbuchautor Darnstädt.

Ein Duo, Sprüche und Schüsse: Etwas "Lethal Weapon" aus den 1980er-Jahren ist zu erkennen, auch Bruce Willis und ein bisschen Bond. Regisseur Alvart: "Til ist ein großer Fan des amerikanischen Genrekinos. Er hat seine Helden, ich habe viele meiner Helden dort - das beeinflusst das Erzählen, ohne dass wir nun kopiert haben."

Ohne den Fans die Spannung zu verderben, kann man sagen: Auf dem neuen "Tatort" steht Schweiger drauf und es ist Schweiger drin. Dazu gehört auch, dass sich der Star in der Rolle des von Kritik und Feuilleton böse Unverstandenen gefällt. "Alle Beteiligten wollten dasselbe: einen etwas anderen Tatort machen. Alle hatten Lust drauf, das bitte ich zu bedenken, bevor ich wieder alles abkriege", sagt Schweiger in einem Interview, das zum offiziellen Pressematerial des NDR gehört, und in dem er es trotzdem schafft, sich patzig und wortkarg zu geben.

Dabei muss es ja nichts per se Schlechtes sein, wenn ein "Tatort" hin und wieder das Etikett "Til Schweiger" trägt. Man wird nicht enttäuscht: Schweiger-Fans werden "Willkommen in Hamburg" mögen, Action-Anhänger auch.

Natürlich kann man einwenden, dass Schweiger gar kein Schauspieler ist, sondern eben in jeder Rolle Til Schweiger. Da vermisst mancher sicher die vielschichtige, leise melancholische und von Mehmet Kurtulus im Hamburger "Tatort" sechs Fälle lang so fein ausgelotete Figur des verdeckten Ermittlers Cenk Batu umso mehr. Aber auch Schweiger-Hasser müssen zugeben, dass der "Tatort" wegen dieses neuen Kommissars nicht untergehen wird. Die Reihe ist mit ihrer mehr als 40-jährigen Tradition nämlich einige Nummern größer als der größte Starkommissar.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen