Festspiele MV : Auf Holz geklopft

Mystische Klänge am Waldesrand: Alexej Gerassimez (2.v.r.) zusammen mit Frank Wienk, Fedor Teunisse und Pepe Garcia (v. l. n. r.) vom Slagwerk Den Haag
Mystische Klänge am Waldesrand: Alexej Gerassimez (2.v.r.) zusammen mit Frank Wienk, Fedor Teunisse und Pepe Garcia (v. l. n. r.) vom Slagwerk Den Haag

Festspiel-Preisträger Alexej Gerassimez musiziert mit Gästen im Jasnitzer Wald – beim letzten Konzert an einem „unerhörten Ort“

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08. September 2017, 12:00 Uhr

Wer dreimal auf Holz klopft, so weiß es der Volksmund, besiegelt damit sein Glück. Im Forstamt Jasnitz, gelegen in einem der größten Waldgebiete Südwestmecklenburgs, haben das Team der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern und Mitarbeiter der Landesforst im Laufe des Mittwochs wohl mehr als dreimal auf Holz geklopft. War doch die Wetterprognose für das letzte Konzert des Preisträgers in Residence, Alexej Gerassimez, an einem „unerhörten Ort“ alles andere als erfreulich. Und dabei war keine andere Veranstaltung in dieser Reihe so sehr darauf angewiesen, dass es trocken blieb: Ob im Flugzeugshelter in Laage, im Liebherr-Werk für maritime Kräne in Rostock oder im ehemaligen VEB Reparaturwerk Neubrandenburg – stets gab es ein schützendes Dach. Im Forstamt Jasnitz dagegen bestand dieses Dach für einen großen Teil des Programms nur aus Blättern.

Doch letztlich wurden der Mut der Festspiel-Macher und der von rund 300 zum Teil in Gummistiefeln und Ostfriesennerz angereisten Konzertgästen belohnt: Während es in der nur 30 Kilometer entfernten Landeshauptstadt unvermindert regnete, blieb es in Jasnitz den ganzen Abend über trocken. Lediglich der Wind wehte etwas stärker – doch das Rauschen der Wipfel gab dem ohnehin mystischen Konzerterlebnis noch einen zusätzlichen Reiz.

Schon während die letzten Gäste noch auf eine kleine Lichtung im Wald strömten, schien dieser musikalisch zum Leben zu erwachen. Ein Hornsignal hier, ein sanftes Pochen dort – von überall bahnten sich zwischen den rauschenden Bäumen hindurch Töne ihren Weg. Und dann tauchte als erster Musiker Alexej Gerassimez aus dem Grün auf, nichts anderes als zwei Holzstäbe, Claves genannt, in der Hand. Den rhythmischen Tönen, die er damit erzeugte, gesellten sich bald weitere hinzu, und nach und nach nahmen neben ihm auch die Musiker des Slagwerk Den Haag Aufstellung. Ihre „Music for Pieces of Wood“ – Musik für Holzstücke – von Steve Reich war sicher auch für diejenigen Konzertbesucher eine Überraschung, die sich häufiger mit Percussionklängen beschäftigen.

Und überraschend ging es weiter. Thorsten Enckes „Foreboding II“ erlebte im Jasnitzer Forst in einer speziellen Bearbeitung für vier Hornisten und vier Percussionisten seine Uraufführung. Die Musiker – das Quartett german hornsound um den Festspiel-Preisträger Christoph Eß sowie das Den Haager Slagwerk – mussten sich dafür an genau bestimmten Stellen aufstellen, damit sich die Schwebeintervalle der Hörner mit den Trommelklängen auf die vom Komponisten gewünschte Weise mischten.

Verblüffung machte sich breit, als – nach der Rückkehr aus dem Wald diesmal auf dem Forstamtshof – Alexej Gerassimez und die niederländischen Schlagzeug-Virtuosen Holzbalken verschiedener Länge glockenartige Klänge entlockten. „Timber“ hat Michael Gordon diese Komposition genannt – übersetzt bedeutet das Bauholz, und genauso sehen die Instrumente aus. Tatsächlich heißen sie Semantrons und werden auch in orthodoxen Kirchen gespielt.

Nur der dritte Programmabschnitt des Abends fand schließlich in der Scheune statt – nicht dem Wetter, sondern der Dunkelheit geschuldet. Und die vier gewaltigen Marimbas, auf denen die sechs Slagwerk-Musiker dort das Hornquartett unter anderem zu Klängen von Robert Schumann begleiteten, hätten wohl auch nirgendwo sonst festen Stand gefunden. Auch die „Music for Pieces of Wood“ klang hier noch einmal an – als Motto eines Abends, der vielleicht nicht unerhört, aber ganz bestimmt unglaublich war.

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