Auf Geisterjagd in der Irrenanstalt

Im  Haus für die schwerer erkrankten Damen steht jetzt ein einzelnes Bettgestell, damit die Größe des Saals spürbar wird. Mathias Lanin
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Im Haus für die schwerer erkrankten Damen steht jetzt ein einzelnes Bettgestell, damit die Größe des Saals spürbar wird. Mathias Lanin

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07. September 2012, 10:01 Uhr

Neustrelitz | Hier bröckeln Schatten von den Wänden, die einhundert Jahre alt sind. Du fühlst dich klein vor diesem stählernen Bettgestell. Hinten sind irgendwo unerreichbare Lüftungsschächte, vorn die Fenster wie Hoffnungsträger, dass es das Draußen weiter gibt. Jemand spricht mir dir: "Ich glaube Sie müssen sich jetzt etwas beruhigen. Sie sind außer sich und wir werden Sie jetzt in ein schönes, in ein wirklich schönes Einzelzimmer bringen. Ja?" Die Stimme von Christel Lau und dann greift die Neustrelitzerin an deinen Ellenbogen, bestimmt und kräftig. Sie drängt dich aus der Halle, hinein in einen schmalen Gang, zu einer massiven Tür mit Guckfenster und ein Schauer rieselt hier vorm Panzerglasfens tern herab. Dann kracht es laut, weil sie die gewaltige Zellentür zuschlägt. Das endgültige Geräusch des Unvermeidlichen.

Die Bau-Ingenieurin Christel Lau führt Besucher seit einigen Jahren über das Gelände und weist diese gleich ein in die ehemalige Landesirrenanstalt am Rand von Neustrelitz. Sie packt die Besucher am Arm, weil "ellenlange Vorträge heute doch niemanden mehr hinterm Ofen vor locken", wie sie sagt. Stattdessen lässt sie ihre Zuhörer mit Zeitzeugengeschichten, mit persönlichen Details einer verschwiegenen Grausamkeit und einer großherzigen Menschenliebe fühlen. Ihr Verein zum Erhalt der Domjüch will Besucher am Sonntag unterhalten und informieren. In dieser Reihenfolge. "Denn ich bin der Meinung, dass man ein Denkmal in seinem Inneren erleben sollte, damit man es nicht so leicht vergisst", erklärt sie. Zur herzöglichen Anlage, nach dem anliegenden See benannt, gehören vier Krankenhäuser, ein Verwaltungsgebäude, Küche, Waschküche und ein Maschinenhaus mit Wasserturm und Schornstein. In der Küche saß jahrelang eine alte Frau, die ruhig und wortlos Kartoffeln geschält hat. Die Schäl-Oma, wie sie genannt wurde, hatte vor ihrer Einweisung ihre vier Kinder im Feuer verbrannt, weil Stimmen es ihr befahlen. "Das sind Krankheiten, die heute Schizophrenie heißen und die damals erst einmal als Krankheiten erkannt werden mussten", erzählt Christel Lau. Bevor es die Anstalt im Herzogtum gab, hatten ärmere Familien nur zwei Möglichkeiten mit ihren psychisch Kranken umzugehen. Sie wurden entweder zu Hause angebunden, ohne Beschäftigung in der Dunkelheit, weil eine Kerze umfallen könnte, wie Christel Lau erzählt. Die zweite Möglichkeit war eine Einweisung ins Gefängnis. Dort wurden die geistig Umnachteten mit Schwerverbrechern gemeinsam "betreut". Ein unhaltbarer Zustand, wie Dr. Carl Serger immer wieder beim Herzog Friedrich Wilhelm monierte. Für 735 000 Mark ließ der Monarch schließlich von 1899 bis 1902 eine Nervenheilanstalt bauen, in der Pflege und Therapie wirklich möglich waren. Es gab fließend kaltes und warmes Wasser, elektrischen Strom und Telefon. Die Säle hatten moderne Zwangsbelüftungen, ein ausgeklügeltes Heizsystem.

Nicht ein Fenster war vergittert, stattdessen mit Panzerglas geschützt, und die Kranken konnten sich, bis auf wenige Ausnahmen, draußen frei bewegen. "Das war ein großer humanistischer Akt und es war architektonisch äußerst klug umgesetzt", schwärmt Christel Lau, die sich bei einer winterlichen Schlittschuhfahrt in das Denkmal verliebt hat. Ihr Ingenieursbüro projektierte mehrere Jahre ohne Bezahlung für einen fadenscheinigen Investor, dem ein Ferienpark vorschwebte. Die Planer einigten sich 2009 auf einen Vergleich, bekamen das Gelände zugesprochen.

Schnell gründete sich ein Verein zum Erhalt der Domjüch, der bisher 8000 Arbeitsstunden in das Gelände gesteckt, den Park wieder begehbar und sehenswert gemacht, die meisten Dächer gesichert, und die Kapelle hochzeitsfähig hergestellt hat. Die dreifache Mutter sieht in der Domjüch ihr viertes Kind und spart bei Führungen auch dunkle Kapitel nicht aus.

Die Nazis nutzten die Anlage als Zwischenstation zur zuständigen NS-Tötungsanstalt Bernburg (bei Magdeburg). Dort wurden die Opfer der Euthanasie und Krankenmorde in einer Gaskammer umgebracht. Auch das lässt sich bei den einstündigen Führungen hinter gitterlosen Fenstern spüren: Hoffnung, Angst und unzumutbare Traurigkeit.

In der Einzelzelle ist ein Ton zu erahnen, dann zu hören. Er wird dich vom Gelände, dann nach Hause, dann in deinen Träumen begleiten - dieser schrille, hohe Ton einer namenlosen Trillerpfeife.

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