Meeresmuseum Stralsund : Auf Fischjagd in Südamerika

Fischforscher Timo Moritz mit zu den Zahnkarpfen zählenden Vieraugen
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Fischforscher Timo Moritz mit zu den Zahnkarpfen zählenden Vieraugen

Der Wissenschaftler Timo Moritz arbeitet am Meeresmuseum Stralsund die neuen Funde auf

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08. März 2018, 11:50 Uhr

Die Welt  des  21. Jahrhunderts bietet noch Raum für klassische Abenteuer des 19. Jahrhunderts: Der Stralsunder Fischforscher Timo Moritz hat sich ähnlich wie der Evolutionsforscher Charles Darwin vor 200 Jahren in Südamerika auf die Suche nach neuen Arten begeben. In Surinam an der Nordostküste Südamerikas stand er im Februar in Flüssen, in denen der Schlamm bis zur Hüfte reichte und stachlige Welse um ihn kreisten. Er stromerte über Fischmärkte in der Hauptstadt Paramaribo, um von Fischern und Anglern Fische zu kaufen, die ihm interessant erschienen. Die wertvolle, teils skurril anmutende Ausbeute von über 200 Arten, darunter die zu den Zahnkarpfen zählenden Vieraugen oder die an abgestorbene Herbstblätter erinnernden Blattfische, verpackte der Fischforscher sorgsam in Tupperdosen, die er dann in Fässern verstaute. Damit kehrte der Fischforscher des Stralsunder Deutschen Meeresmuseums vor wenigen Tagen in seine Heimat zurück.

Hier in seinem neonbeleuchteten, fensterlosen und leicht fischig riechenden Labor füllt der 40-Jährige seinen Südamerika-Fang aus den Tupperdosen in Alkohol gefüllte Gläser um. In den nächsten Wochen, Monaten und vielleicht Jahren werden er und seine wissenschaftlichen Mitarbeiter die Fische genauestens untersuchen, Schuppen und Zähne zählen, nach Strahlen und Mustern in den Bauch- und Rückenflossen suchen sowie die Struktur der Kiemenbögen analysieren – alles, um die Fische verschiedenen Gruppen und Arten zuordnen zu können. „Weltweit sind mehr als 30 000 Fischarten bekannt. Jährlich kommen 400 bis 500 neue Arten hinzu“, berichtet der Ichthyologe, der in den vergangenen Jahren selbst sechs neue Arten in den Flüssen Afrikas entdeckte. Die Tiefsee, das Amazonasgebiet, das indonesische Korallendreieck und das afrikanische Kongobecken gelten als Hotspots, in denen immer wieder neue Arten entdeckt werden können.

Stralsunder Fischforscher  im Surinam River
Foto: Stefan Sauer
Stralsunder Fischforscher im Surinam River
 

Diese Gebiete seien entweder sehr schwer zugänglich oder die Vielfalt sei wie in den taiwanesischen Gewässern so groß, dass man auch Arten übersehen habe.

Bei Timo Moritz, der auch an der Uni Jena am Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie unterrichtet, stapelt sich die Arbeit wortwörtlich auf dem Arbeitstisch: Neben Bildschirm und Tastatur scheint jeder Quadratzentimeter von einem Glas mit Fischpräparaten belegt zu sein. Dennoch liebt der Wissenschaftler die Systematik. Es ist die Ordnung der Stammbäume, die beweist, dass es keine Artkonstanz gibt, sondern dass Arten sich seit Jahrmillionen an ihren Lebensraum anpassen.

Die Vielfalt der Fischarten lasse sich eben nur verstehen, wenn man die Verwandtschaftsverhältnisse kenne, sagt der Wissenschaftler. Die Heringe, die heute in der Ostsee schwimmen, gehen genauso wie Heringe in Südamerika auf einen „Urhering“ zurück – der ursprünglichste, heute noch lebende Hering sei der Zahnhering im Nigerdelta. Alles hängt mit allem zusammen.

Piranha unter der Lupe
Foto: Stefan Sauer
Piranha unter der Lupe
 

Oder auch nicht: In den Flüssen Surinams stieß Moritz auf südamerikanische Messerfische, die neben den in Afrika lebenden Nilhechten zu den weltweit zwei bekannten Gruppen der schwachelektrischen Fische gehören. „Die beiden Gruppen haben sich völlig unabhängig voneinander entwickelt“, sagt Moritz. „Dennoch senden sie zur Kommunikation innerhalb ihrer Art teils identische elektrische Signale aus.“ Warum das so ist, ist bislang ein Rätsel.

Manchmal ist die nächste Entdeckung näher als gedacht. Seit 1983 steht in den Regalen der Sammlung des Meeresmuseums das Präparat eines Sägehais, der von Stralsunder Wissenschaftlern vor der Küste Mozambiques gefangen wurde. Im Jahr 2011 veröffentlichten kalifornische Wissenschaftler – nicht wissend von dem Stralsunder Fund – eine Studie, in der der Hai beschrieben und benannt wurde.

Die Kalifornier gelten seitdem als Entdecker dieser Art. Moritz nimmt solche Erlebnisse eher sportlich und tippt mit seinem Fuß an ein Fass unter seinem Schreibtisch, in dem noch weitere Fische in Formol schwimmen. „Wenn ich Zeit habe, werde ich mal nachschauen, welche Überraschung sich darin verbirgt.“ Das Fass stammt wie das mit dem Sägehai von der Exkursion aus dem Jahr 1983.

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