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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 08:36 Uhr

Handwerk : Auf der Walz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In Mecklenburg bauen sich Wandergesellen gemeinsam ein Haus – es wird die erste Herberge für sie weltweit.

Hut, Stock, Gesangbuch: Wandernde Handwerksgesellen halten sich gern mit zünftigen Liedern bei Laune. Die aussterbende Tradition, Berufserfahrungen auf Reisen zu sammeln, wird schon seit dem Mittelalter gepflegt. In der DDR war die „Tippelei“ verboten. Jetzt soll die „Walz“ sogar Weltkulturerbe werden.

Allerdings machen sich bundesweit nur noch wenige ledige Männer und kaum mal Frauen nach erfolgreicher Gesellenprüfung auf den Weg in die Welt. Kost und Logie verdienen sich die jungen Leute dabei mit ihrer Hände Arbeit. Am Dümmer See bei Schwerin bauen Wandergesellen aus ganz Europa derzeit eine Unterkunft.

So eine Wanderschaft dauere mindestens drei Jahre und einen Tag, erzählt Zimmermann Nils Hofmann aus Hildburghausen (Thüringen). Unterwegs sei er jetzt gut sieben Monate, seit einigen Wochen baue er am „Europahaus“ Dümmer mit. Der markante Fachwerkbau werde ein Gemeinschaftswerk wandernder Burschen und nach Vollendung ein Zufluchtsort für Tippelbrüder aus aller Herrgotts Länder, erklärt Hofmann. Bisher gebe es so etwas nirgends.

Rund 200 Bauleute, frei reisende oder in Schächten organisierte, beteiligten sich seit Mai 2014 an dem ungewöhnlichen Gesellen-Stück, erklärt Projektleiter Dieter Hartung. Mal nur zehn und manchmal bis zu 30 Maurer, Zimmerer, Tischler, Steinmetze, Ofensetzer aus Deutschland und der Schweiz, aus den Niederlanden, aus Frankreich und Dänemark hätten gleichzeitig für jeweils ein paar Wochen Station in Dümmer gemacht. Hölzerne Zunftzeichen an der roten Backsteinfassade des nun fast fertigen Gebäudes kündeten von den verschiedenen beteiligten Gewerken.

Stolz zeigen die Handwerker ihre Referenzen in den „Wanderbüchern“. Diese Pässe werden vom Dachverband „Con- fédération Compagnonnages Européens – Europäische Gesellenzünfte“ ausgestellt.

Ebenso wichtig sei das Outfit, sagen die jungen Männer. Zur Tracht gehörten Kopfbedeckung, Schlips, Weste, Hose mit Schlag und Stenz – der Wanderstock. Außerdem müsse man unter 30 sein, kinderlos, unverheiratet, ohne Schulden und ohne Vorstrafen. „Auf der Walz wird man erwachsen, das ist Lebensschule pur“, meint Benjamin Kaiser. Morgens wisse man oft nicht, wo man abends schläft. Handy oder Besuche zu Hause seien während der Wanderschaft tabu. Maurer Marcel Mers aus Haselünne bei Leer ist seit vier Jahren auf der Walz. „Freiheit fängt immer im Kopf an, nicht erst mit der Kluft“, ist er überzeugt. 

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